Heiko Reissig: „Ich lade gern mir Gäste ein…“

„Ausverkauftes Haus, Standing Ovations, Feuerwerk, ein Meer von Blumen, Zugaben und ein total glückliches Publikum – was will man mehr“, freut sich Kammersänger Heiko Reissig über seine Jubiläumsgala, zu der er am vergangenen Samstag in das Kultur- und Festspielhaus Wittenberge eingeladen hatte. Hier stand er als Kinderdarsteller 1976 zum ersten Mal auf der Bühne. Im Märchen „Hänsel und Gretel“.

40 Jahre Bühnenjubiläum und sein 50. Geburtstag waren dem charmanten Operetten-Tenor und Entertainer Anlass, 700 Gästen eine berauschende Show der heiteren Muse zu präsentieren. „Es ist wirklich ein glamouröses Fest geworden, so schön hätte ich es nicht erwartet. Dafür möchte ich mich bei allen, die mir geholfen haben, diesen Abend auf die Beine zu stellen, aufs Allerherzlichste bedanken. Sie haben mir eine unauslöschliche Erinnerung geschenkt“, sagt er mir am Telefon, denn er ist schon wieder unterwegs. Mit seinem Unterhaltungsprogramm „Musikalische Rumpelkammer“ wird er die Kreuzfahrt-Passagiere der MS Albatros auf eine amüsante und auch informative Zeitreise in die Welt der Operette und Filmschlager mitnehmen. Ganz nach seinem großen Vorbild, dem Schauspieler Willi Schwabe. „Eigentlich bin ich groggy“, gesteht er, aber der Vertrag war unterschrieben. Und es macht mir ja Spaß, anderen Freude zu bereiten.“

kiezeuleberlin_kohbow-dsc01715
Fünf Grazien: KS Karin Pagmar, Caroline Bungeroth, Stefanie Simon, Alexandra Lachmann und KS Christine Wolff

Das ist sein Leben, seit ihn in Kinderzeiten das Theater in seinen Bann gezogen hat. Charme und sein Talent zur Unterhaltung ließen den Operettensänger zum Publikumsliebling werden. Soviel er auch durch die Welt reist, sein Herz hängt an seiner Heimat – und natürlich der Operette. Einem geschmähten Genre. 1998 rief er die „Elblandfestspiele Wittenberge“ ins Leben, ein Festival der heiteren Muse, das er bis 2008 als Regisseur und Intendant führte. „Inspiriert hatte mich  das österreichisch-ungarische Operettenfestival in Mörbisch am See, zu dem jeden Sommer täglich 6000 Musikfreunde kommen. So etwas hatte ich mir für Wittenberge auch vorgestellt“,  sagte er mir in einem Interview.  Inzwischen sind die Musikfestspiele in Wittenberge ebenfalls international berühmt und locken jeden Sommer Tausende Musikfreunde an. Neben Gastspielen, Konzerten, Tourneen kümmert sich der 50-jährige Sänger, Komponist, Regisseur und Entertainer seit seiner Studienzeit um die Förderung junger Operetten-Künstler. „Mir war aufgefallen, dass im Bereich der Operette nicht viel passiert, der Nachwuchs fast immer  hintan stand.“ In diesem Sinne engagiert er sich auch seit vielen Jahren ehrenamtlich als Präsident in der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien.

Heiko Reissig & Walter Scholz.jpg
Der Jubilar mit dem Wittenberger  Shantychor „De Buhnenkieker“ und Star-Trompeter Walter Scholz

Am 24. September nun legten sich befreundete Künstler ins Zeug, um dem Entrepreneur des Operettentheaters selbst eine Freude zu schenken. Aus Schweden war Kammersängerin Karin Pagmar angereist, aus Russland der Pianist Mikhael Mordvinov. Die Sopranistinnen KS Christine Wolff und Alexandra Lachmann, Kammersänger Johannes von Duisburg gratulierten mit berühmten Melodien, ebenso wie Sängerin Regina Thoss, die mit ihm lange befreundet ist. Das bunte Programm vervollkommneten Star-Trompeter Walter Scholz, der Wittenberger Shantychor „De Buhnenkieker“, Alt-Star Michael Hansen, das Duo Stefanie Simon und Bert Beel sowie Deutschlands Travestie-Star Renata Ravell und das Artistenpaar Angelique & Kavalier. Mit ihrem musikalischen und komödiantischen Talent begeisterte die junge Sängerin Caroline Bungeroth – das „Fräulein Mizi“ des Duos Scheeselong – Publikum und Gastgeber. „Ohne Detlef Heising und Alfred Otto, die für das sensationelle Bühnenbild und den reibungslosen Ablauf sorgten, wäre das Event nicht möglich gewesen“, fügt Heiko Reissig noch an. „Eine tolle Leistung in Anbetracht der Tatsache, dass wir nicht mal zwei Tage Zeit zur Vorbereitung hatten.“

KiezEuleBerlin_Kohbow-DSC01573-1.jpg
Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Wittenberge. Jubilar Heiko Reissig  mit der stellv. Bürgermeisterin Waltraud Neumann (v.l.),  Laudator Jürgen Schmidt und Pressereferentin Christiane Schomaker

Mitten in der Show dann die große Überraschung für den „Kavalier der heiteren Muse“: Für seine Verdienste um das Musiktheater, speziell die Operette, wurde er mit dem österreichischen „Internationalen Prof.-Heinz-Neubrand-Musikpreis-Wien 2016“ geehrt. Anschließend bat ihn die stellvertretende Bürgermeisterin von Wittenberge, Waltraud Neumann, seiner Heimatstadt die Ehre zu erweisen und sich ins Goldene Buch einzutragen.

Die launigen Worte zwischen den Darbietungen fand Moderator Lutz Hoff. „Er war trotz einer Verletzung gekommen“, erzählt Heiko Reissig. „Das rechne ich ihm hoch an.“ Von Lutz Hoff erfuhr ich, dass ihm kurz zuvor die Achillessehne gerissen ist. „Ein kleiner Fehltritt, und es hat zupp gemacht. Ich habe beim Aussteigen aus der Regional-Bahn den kleinen Treppenabsatz übersehen und da war es passiert. Aber alles halb so schlimm. Die Sehne wird zusammengenäht und dann muss ich noch sechs Wochen den ,Stiefel’ tragen.“ Während ich schreibe, ist er bereits im Krankenhaus und wird auf die OP vorbereitet. Gute Besserung!

Ehrung für Rolf Hoppe

Weißig. Auszeichnungen sind Rolf Hoppe nicht wichtig. Aber wenn sie denn kommen, steht doch ein Leuchten in seinen Augen. Ein ganz besonderer Moment war für den großartigen und beliebten Schauspieler seine Ernennung zum ordentlichen Ehrenmitglied der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien, der internationalen Gesellschaft zur Förderung von Musik, Theater und Kunst, am 16. September.

IMG_0596.JPG
Schauspieler und Prinzipal Rolf Hoppe im Foyer seines Hoftheaters

Bewegt stand er auf der Bühne seines kleinen Hoftheaters in Dresden-Weißig und nahm die Urkunde aus den Händen des EKW-Präsidenten, Kammersänger Heiko Reissig, entgegen. „Getreu seinem Motto: Das Gute im Bösen sichtbar machen und das Böse im Guten, ist Rolf Hoppe ein unverrückbarer Garant für höchste Darstellungskunst im wahrsten Sinne des Wortes, ein Garant für packende Unterhaltung, für sprachliche Nuancen und Raffinessen, für ironisch feinen Witz oder derben Humor“, heißt es in der Laudatio. Ja, für all das liebt und verehrt ihn sein zahlreiches wie treues Publikum. Rolf Hoppe ist in seinem langen und ausgefüllten Künstlerleben zu einem wahrhaftigen Volksschauspieler avanciert. Die Reaktion des Geehrten ist typisch für ihn, den Harzer Jungen, einem Kriegskind, das den Wunsch hatte, den Leuten Freude zu bringen und bis jetzt danach lebt. „Dass Menschen an einen denken, denen man mit seiner Arbeit Freude gebracht hat, ist das eine. Aber dass meine Arbeit so hoch geschätzt wird, macht mich alten Mann glücklich. Man wird ja schnell vergessen, wenn man nicht mehr so dabei ist. Ich habe immer für die Menschen gespielt und möchte immer noch in ihre ernsten Gesichter ein Lächeln zaubern. Darum habe ich mir die Kindheit in die Tasche gestopft und hole sie heraus, wann immer mir danach ist“, sagt er. Und lacht.

Datei 21.09.16, 23 45 25.jpeg
September 2016. Kammersänger Heiko Reissig, ehrenamtlicher Präsident der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien, überreicht Rolf Hoppe (neben ihm Tochter Josephine) die Urkunde für die Ehrenmitgliedschaft. Foto: EKW-Archiv

Für den 85-Jährigen gibt es immer noch etwas zu tun. Nicht nur in seinem Garten, den er hegt und pflegt und sich daran erfreut. Manchmal steht der Prinzipal auf der Bühne seines Hoftheaters, hin und wieder ruft der Film. Vor ein paar Tagen stand für er den neuen „Spreewaldkrimi: Die Rückkehr des Schlangenkönigs“ vor der Kamera. Tochter Christine, eine der wichtigsten Schauspielerinnen Dresdens, hat ihn begleitet. „Wir haben in einem Hotel in Burg gedreht. Es ist die Fortsetzung der ,tödlichen Legende‘, in der ich wieder den verwirrten alten Mann spiele. Es war nur ein Tag, aber ich merke inzwischen die Anstrengungen“, erzählt Rolf Hoppe. Nach über 60 Jahren eines prallen Arbeitslebens, das ihn auch in hohem Alter noch in die weite Welt geführt hat – bis nach Australien – braucht sein Akku mehr Zeit zum Aufladen. „Ich schlafe viel. Doch Kopf und Körper müssen immer noch etwas zu tun haben, sonst ist bald Schluss“, sagt er und hat sein schelmisches Lächeln im Gesicht – wie immer, wenn wir mit einander reden.

 

Zum Tod von Hilmar Thate: Zurück ins Universum

Die einen sehen ihn als aufmüpfigen LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ (DDR-TV-Serie 1976), die anderen behalten ihn als „König von St. Pauli“ (ARD-TV-Serie 1997), den menschelnden Besitzer des Striptease-Lokals „Blaue Banane“ auf St. Pauli, in Erinnerung. Zwei Rollen, die Hilmar Thate populär gemacht haben – auf konträre Weise in konträren Gesellschaften. In diesen hinterließ er ebenso nachhaltige Spuren auf dem Theater: in Berlin – Ost und West –, München, Hamburg, Bochum, Wien, Basel… Wenn er auf der Bühne stand, war es wie ein Sog, mit dem er die Zuschauer schier atemlos hielt. Herausragend sein Spiel als „Richard III.“ 1972 am Deutschen Theater oder als Mephisto 1990 in der „Faust“-Inszenierung des Schillertheaters.

Thate 20060412003.jpg
Mit Hilmar Thate 2006. Foto: York Maecke

Für mich war Hilmar Thate mehr als nur der brillante Schauspieler. Er war seit 2006, als wir uns für ein Interview trafen und sofort einen Draht zueinander fanden, ein Freund und ein wundervoller Gesprächspartner. Neben dem Ernst der Sache, wenn wir diskutierten über die Belange des Lebens, Politik und was uns bewegte, beim Blick auf die Welt, haben wir viel gelacht. Schon am Mittwoch, es war der 14. September, hat Hilmar Thate dieses Leben verlassen. Er war 85 Jahre alt geworden. Zurück bleiben seine Frau Angelica Domröse sowie seine Söhne Hanno und Sebastian.

8. Preisverleihung der DEFA Stiftung
Vor dem Kino Babylon mit seiner Frau Angelica 2009 Foto: André Kowalski

Er hat dieses Leben verlassen – es so zu formulieren, ist legitim. „Unsere Existenz ist ein Kreislauf. Wir haben als kleine Elementarteilchen schon beim sogenannten Urknall existiert. Ich kann mich nicht mit der Erde zufrieden geben“, philosophierte er einmal, als er gerade Stephen Hawkins Buch „Der große Wurf. Die neue Erklärung des Universums“ las.

Ich habe ihn mal gefragt, ob der Tod ihm Angst mache, und er antworte mit Schiller: „Der Körper ist der Attentäter des Geistes.  – Und das ist er in der Tat. Es gibt im Tod eine Trennung von Geist und Körper. Der Körper ist hinfällig, wird der Natur überlassen. Der Geist ist nichts Greifbares. Er ist Energie. Energie geht nicht verloren, sie hebt sich auf, verändert sich. Ich habe in diesem Sinn keine Angst.“

IMG_3694.jpg
Faksimile aus Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“, Lübbe 2006

Es war mir unvorstellbar, dass etwas seinen regen Geist, der so tiefgründige Gedanken hervorbrachte, auslöschen könnte. Es ging ihm schon eine Weile nicht gut, wie ich von Angelica Domröse bei meinen sporadischen Anrufen erfuhr. Als wir Ende Juli telefonierten, erzählte sie: „Er geht nicht mehr ans Telefon, aber ich frage ihn, ob er dich sprechen möchte.“ Er wollte nicht. Und wir hatten oft und lange miteinander telefoniert. „Die Krankheit schlich sich langsam ein, über drei, vier Jahre“, sagte sie.

IMG_5890.jpg
Mit Manfred Krug 1976 in „Daniel Druskat“, Repro aus „Neulich, als ich noch Kind war“

Und so lange ist auch mein letztes Interview mit ihm her. Damals fragte ich ihn, was ihn in seinem Alter – er war gerade 80 geworden – noch vorwärts treibe. „Das Denken“, antwortete er. „Wenn das vorbei ist, bin ich tot. Im Spiel des Lebens haben wir nicht die Hauptrolle und schon gar nicht für ewig. Aber so lange ich existiere und atmen kann, neugierig bin, habe ich diese heilige Unruhe in mir, weiterzudenken, weiterzudrängen, in Frage zu stellen oder zu verändern. Ich liebe Veränderungen.“

Zeit seines Lebens suchte er nach dem Sinn seines Daseins. „Ich weiß nicht, warum ich hier bin, ich weiß nur, dass es anfängt und wieder aufhört irgendwann. Dazwischen passieren lustige Erlebnisse, schöne Dinge, reizvolle Zustände. Es gibt Spaß und Schmerz. Das, was man Leben nennt.“ Er wollte nie lebend ein Elend ertragen und musste doch machtlos hinnehmen, dass ihn sein Körper verriet. Dass das Denken aufhörte. Angelica Domröse, mit der er 40 Jahre die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens durchmaß, beschützte ihn, schirmte ihn ab. Sie brachte soviel Kraft auf, wie sie nur konnte, für ein würdiges Dasein in den letzten Monaten.

img_3690Beide hatten 1980 die DDR verlassen. Nicht freiwillig. Nach der Unterzeichnung der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 gerieten sie in Konflikte mit dem Staat. Man drängte sie, die Unterschrift zurückzunehmen. Sie taten es nicht. „Wir wurden unserer Existenzgrundlage beraubt, ich bekam keine Rollen mehr. Aber ich bereue meine Unterschrift im Nachhinein nicht eine Sekunde“, stand Hilmar Thate zu der Entscheidung. Es war nicht wegen Biermann, sondern ihr Protest gegen die ideologische Gängelung der Kunst. Hilmar wurde erlaubt, in Basel zu spielen. 1978 am Theatre Nanterrre. Nach der Rückkehr wurde es immer schwieriger für beide Spitzenschauspieler. Ein Angebot vom Schiller-Theater ließ den Gedanken ans Weggehen aufkeimen.

IMG_5888.JPG
Als George mit Ehefrau Angelica Domröse in der Titelrolle „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Foto: Anneliese Heuer (Repro)

Eine Zerreißsituation, in der sie Rat bei einem guten Freund, dem Schriftsteller Stefan Heym, suchten. „Tut es, ihr gehört auf die Bühne, das ist hier nicht möglich“, riet er ihnen. Hilmar Thate schrieb einen Brief an des Politbüro der SED. „Auf jeden Satz kam es da an. Als ich ihn zur Poststelle des ZK am Hausvogteiplatz brachte, plagte mich eine Beklemmung“, erinnerte er sich, als wir über diese Zeit und ihren Ausreise sprachen. Aber das Angebot, in der DDR wohnen bleiben und dauerhaft im Westen arbeiten, lehnte Hilmar Thate aus moralischen Gründen ab. „Ich komme vom Dorf, mein Vater war Schlosser, ich wollte kein Privilegierter sein.“
1980 siedelten sie nach Westberlin über. „Es gibt keine  Rückkehr für euch“, gab ihnen DDR-ChefideologeKurt Hager persönlich mit auf den Weg. „Die Riege der alten Männer an der Spitze der DDR hat mit ihrer kleinbürgerlichen Beschränktheit das Land ruiniert“, war Hilmar Thate überzeugt.

IMG_5893.JPG
Der zehnjährige Hilmar

Ein neuer Anfang in einer Welt des Kapitalismus, die eigentlich nicht ihre war. Das Eingewöhnen war schwer, die Arbeit half. Beide hatten Glück. Hilmar Thate wurde am Schillertheater engagiert, brillierte gleich in Peter Zadeks Inszenierung „Jeder stirbt für sich allein“ und zusammen mit Angelica im Schlosspark-Theater als George in Edward Albees († 16.9.2016) Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Sie bauten sich ein neues Leben auf.

Thate hatte über 30 DEFA- und Fernsehfilme in der DDR gedreht, parallel zu seiner Theaterarbeit. 1954 holte Wolfgang Staudte den  Schauspieldebütanten vom Cottbuser Theater vor die Kamera für seinen Film „Einmal ist keinmal“. 1958 gelang dem Jungschauspieler, von Helene Weigel ans Berliner Ensemble engagiert zu werden, das er bis 1970 mitgeprägt hat. „Wir traten wie Weltklasseleute auf – und vielleicht waren wir es auch dann und wann“, resümierte er die Zeit und das Theater. Für seine Darstellung des Daniel Druskat bekam er den Nationalpreis der DDR und hat ihn nicht zurückgegeben nach der Wende. Die das taten, waren für ihn Opportunisten. Er hat seine kritische Sicht auf die Gesellschaft auch im Westen behalten und dies auch in seinen Rollen spüren lassen. Er arbeitete unter der Regie von Peter Zadek, Ingmar Bergman und George Tabori, stand für Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Dieter Wedel vor der Kamera. Hilmar Thate war ein leidenschaftlicher Schauspieler, kraftvoll, hochsensibel. „Immer wieder stehe ich vor jeder neuen Rolle wie der Ochs vorm neuen Tor“, beschrieb er seine Arbeit. Er selbst zählte zu seinen schönsten Arbeiten die Rolle des Sportreporters Robert Krohn in Rainer Werner Fassbinders Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ an der Seite von Rosel Zech, mit der ihn bis zu ihrem Tod 2011 eine enge Freundschaft verband.

IMG_5892.jpg
Als Herodot 1949 am Theater Cottbus

Für den Film „Hitlerkantate“ stand Hilmar Thate 2004 das letzte Mal vor der Kamera. Er mochte nicht mehr spielen, was ihm angeboten wurde. Seine unablässige Lust, vor Publikum zu spielen, erfüllte er sich mit Soloauftritten, in denen er Lieder und Texte von Brecht und Weill vortrug oder mit Lesungen aus seiner 2006 erschienenen Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“. Der Dorfjunge, der immer wissen wollte, wie die Welt weitergeht hinter dem Ende von Dölau, hat seine Sehnsucht stillen können. Ob er den Sinn seines Daseins gefunden hat? Jetzt am Ende, wo es aufgehört hat? Als „Sternenasche“, wie er es formulierte, kehrt er zurück in den Kreislauf des Universums.

Mehr über den Schauspieler in dem Beitrag Hilmar Thate – Ein Guerillero auf der Suche 

Zum Tod von Rolf Losansky: Sein Herz schlug für die Kinder

Wer ihn kannte und mochte, wünschte, er wäre nach seinem schweren Schlaganfall im Juli 2013 wieder auf die Beine gekommen und hätte das tun können, was ihm immer das Liebste gewesen war: Mit seinen wunderbaren Filmen zu Kindern reisen, sich ihren Fragen stellen und hören, was sie denken – über die Knirpse aus dem Kinderheim, die sich auf die Suche nach dem Dieb des „Wunderbunten Vögelchens“ machen, über „Moritz in der Litfaßsäule“ oder über Alex, der sich in seiner Phantasie jeden Tag als Indianer auf den „Langen Weg zur Schule“ begibt.

Gojko, Losansky, Frank Träger 20120510128.jpg
Mai 2015. Regisseur Rolf Losansky (l.) mit seinen Darstellern Gojko Mitic und Frank Träger aus dem Film „Der lange Ritt zur Schule“

Die Aussicht war gering. Sein Sprachzentrum war schwer geschädigt, eine rechtsseitige Lähmung zwang den unermüdlich rotierenden Kinderfilm-Regisseur in den Rollstuhl. Doch er hat gekämpft, wollte es zwingen. Das verrieten mir seine Augen, als ich ihn vor ein paar Monaten besucht habe. Dieser Tage wollte ich wieder zu ihm nach Potsdam fahren. Zu spät. Gestern früh, am 15. September, hat Rolf Losansky aufgehört zu kämpfen. Vor drei Wochen war eine Gesichtsrose bei dem 85-Jährigen ausgebrochen. „Sie war sehr schmerzhaft, ich musste Papa ins Krankenhaus bringen. Zum Schluss wollte er nicht mehr“, erfahre ich von seiner Tochter Danka. „Drei Tage saß ich an seinem Bett, hielt seine Hand, als er ging“, sagt sie und: „Es tut sehr weh, aber es ist jetzt gut so.“

„Er war ein Kämpfer, warmherzig, immer fröhlich, manchmal auch mufflig, aber nie böse. Er ging freundlich mit den Menschen um, sogar mit seinen Neidern“, beschreibt sie ihren Vater, den seine DEFA-Kollegen, Schauspieler, Filmkinder und Freunde genau so in Erinnerung behalten werden. Wenn er mir von seinen Dreharbeiten erzählte, schwang darin immer eine Verschmitztheit und Komik mit, die – neben der großen Nachdenklichkeit – auch in seinen Filmen zu spüren ist. Rolf Losansky hat sich den Träumen, Sehnsüchten und Sorgen der Kinder angenommen, ihren Alltag in seinen Geschichten trickreich mit phantastischen Elementen verwoben, sodass Lehrreiches nie mit dem erhobenen Zeigefinger daherkam.

schulgespenst-2-3-2
Szene aus dem Film „Das Schulgespenst“ 1986

Seine Filme sind Gegenwartsmärchen, die mit einer komödiantischen, ironischen Erzählweise begeistern. „Das Schulgespenst“ (1986), „Ein Schneemann für Afrika“ (1977) oder „Moritz in der Litfaßsäule“ (1983) haben in ihrer Thematik nichts an Aktualität verloren. „Ich habe 23 Spielfilme für Kinder gemacht“, erzählte er mir einmal. „Wenn ich sie heute zeige und die Kinder Zugabe rufen, weiß ich, dass ich es richtig gemacht habe. Kinder sind sehr kritisch. Sie sind ehrlich. Sie heucheln keine Begeisterung.“ Nie waren ihm ihre Fragen zuviel.

Nach der Wende hat er noch drei Filme gedreht, 1992 „Zirri – das Wolkenschaf“, 1993 „Friedrich und der verzauberte Einbrecher“ (gespielt von Rufus Beck) und 1998 die Märchenverfilmung „Hans im Glück“.

Hans im Gl¸ck
Im Juni 2013 mit Andreas Bieber und Marlene Marlow, Hauptdarsteller in Losanskys Märchenfilm „Hans im Glück“

Persönliche Schicksalsschläge nahmen ihm die Kraft. Der ungeklärte Tod seines Sohnes, der Kapitän eines Containerschiffes war und im Bermuda Dreieck ums Leben kam, brach ihm das Herz. Posttraumatische Erinnerungen aus seiner Kindheit machten ihm zu schaffen. „Ich komme aus Frankfurt/Oder von der polnischen Seite, habe sowohl Panzerangriffe erlebt als auch schwere russische und amerikanische Bombenangriffe in Augsburg, wohin wir geflohen waren. Ich kann heute noch in keinen kleinen Keller gehen. Mit der Kraft der Jugend konnte ich die Bilder von Leichen, an denen ich vorbei gerannt bin, verdrängen. Je älter ich werde, desto häufiger suchen sie mich heim“, erzählte er in unserem ersten Interview. Als Berater und Mentor arbeitete er dann mit jungen Regisseuren. Er wollte in ihnen das Feuer wecken, das noch immer in ihm loderte. So wie die Altmeister der Regie Martin Hellberg, Kurt Maetzig und Andrew Thorndike in den 50er und 60er Jahren dieses Feuer in ihm entfacht hatten.

losanskyRolf Losansky ist auf Umwegen Regisseur geworden. Am 18. Februar 1931 als Sohn eines Schriftsetzers und einer Krankenschwester geboren, lernte er nach der Schule zunächst Buchdrucker. Er absolvierte die Arbeiter- und Bauern-Fakultät, studierte dann drei Semester Medizin, bevor ihn als 24-Jährigen „der Virus Film mit Haut und Haaren fraß“. Seine erste Regie-Assistenz bekam er bei DEFA-Regisseur Frank Beyer bei den Dreharbeiten für den Film „Königskinder“ mit Annekathrin Bürger und Armin Mueller-Stahl in den Hauptrollen. Mit seinem aufmerksamen Blick ersparte er dem Regisseur damals eine große Peinlichkeit und der DEFA hohe Kosten, hätte man den Fehler erst beim Schnitt entdeckt.  Im Atelier wurde eine Flugszene simuliert. Dazu ließ man hinter den Fenstern der Flugzeugattrappe auf einer Leinwand Wolken vorbeiziehen. Frank Beyer konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die Schauspieler und übersah, dass die Wolken das Flugzeug überholten. Rolf Losansky, der später dazu kam, erfasste das mit einem Blick und rief: „Kamera aus!“ Man hatte den Film falsch herum eingelegt. „Das war so ein Tag, an dem man als Regie-Assistent abends zufrieden ins Bett geht. Und ich brannte darauf, bald selbst so ein Leben erzählen zu können“, erinnerte er sich beim Erzählen dieser Episode.

img_3885Als Regie-Assistent suchte er für den Film „Nackt unter Wölfen“ die Kinderdarsteller aus und merkte, dass ihm die Arbeit mit Kindern lag und Spaß machte. Seine Frau Annelore, die Liebe seines Lebens, brachte ihn auf die Idee, Filme für Kinder und Jugendliche zu drehen. Sie waren 35 Jahre glücklich verheiratet, als sie 1991 starb. „Sie war Lehrerin und hielt unsere Familie in Schwung“, erzählt Danka.  1963 drehte er dann mit dem Abenteuerfilm „Geheimnis der 17“ seinen ersten eigenen Kinderfilm und noch im selben Jahr dreht er mit der „Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ seinen ersten Erfolgsfilm.
Der Abschied von Rolf Losansky fällt schwer. Ich hoffe sehr, dass seine Filme, die er am Leben erhalten hat, nicht vergessen werden.

Heiko Reissig – ein Kavalier der heiteren Muse

Wenn am 15. und 16. Juli in der Alten Ölmühle zu Wittenberge zum 17. Mal Tausende Freunde der heiteren Muse unvergessliche Nächte mit populären Melodien aus Oper, Operette, Musical, Film erleben, ist das insbesondere einem zu danken. Kammersänger Heiko Reissig, seit Jahren einer der beliebtesten deutschen Operettentenöre, hat die inzwischen international populären „Elbland-Festspiele“ in seiner Heimatstadt ins Leben gerufen und sich bis 2008 als Intendant und Regisseur dafür engagiert.

Heiko Chritian Reissig
Elbland-Festspiele Wittenberge 2004: Heiko Reissig  (M.) singt mit Counter-Tenor Jochen Kowalski, Stephanie de Kowa, René Kollo, Johannes Heesters und Dagmar Frederic  das Finale aus der Fledermaus „Im Feuerstrom der Reben“ (v.l.)  

Die Oper wurde als gehobene Unterhaltung immer gepflegt. Die Operette galt wegen ihrer Lebensfreude und Leichtigkeit als seicht und wurde geringschätzt. Unverdienterweise.  Die Musik ist üppig, die Geschichten haben einen kritisch-frivolen Unterton, eine fein-ironische Sprache. Man muss sich nur für diese Kunst öffnen, um das zu erkennen. „Operette ist immer ein gesellschaftskritischer Spiegel gewesen“, bricht Heiko Reissig eine Lanze für das als „kleine Oper“ im 19. Jahrhundert hervorgegangene heitere Bühnengenre. Populäre Beispiele – Johann Strauss’ „Fledermaus“, den „Zigeunerbaron“ und Carl Millöckers „Bettelstudent“.

HR u. D. Sasson (Duett) 24.8.2006
Duett mit Deborah Sasson 2009

Als charmanter Entrepreneur hat sich Heiko Reissig dieser oftmals stiefmütterlich behandelten Kunst angenommen. Er trat in die Fußstapfen so großer Protagonisten der Operette wie Richard Tauber, René Kollo, Johannes Heesters und Jan Kiepura, einem der beliebtesten Operetten-Tenöre des 20. Jahrhunderts.

Heiko Chritian Reissig
Am 19. Februar ist er 50 geworden

Berlin-Reinickendorf. Ein Stück historisches Berlin verströmt hier im Kiez um den Franz-Neumann-Platz noch sein Flair. Die Mehrfamilienhäuser, karminrot und beige gestrichen, mit Stuckfassaden und Kastendoppelfenstern, wurden 1927 erbaut. Heiko Reissig hat mich zum Interview in seine gemütliche Wohnung eingeladen. 2016 ist für den sympathischen und humorvollen Wahlberliner das Jahr der Jubiläen. Im Februar feierte er seinen 50. Geburtstag, was man dem lausbubenhaft Wirkenden, dessen Mund meistens ein Lächeln umspielt, kaum abnimmt. Im September steht sein 40-jähriges Bühnenjubiläum an.

Heiko Chritian Reissig
Heiko Reissig ist ein humorvoller Erzähler

Zu Fuß geht es vier Treppen hoch. Fotograf Nikola Kuzmanic hat zu asten. Oben angekommen, schlägt uns das Herz bis zum Hals. „Das ist mein tägliches Konditionstraining“, empfängt uns Heiko Reissig, elegant gekleidet in heller Hose und apricotfarbenem Hemd. Er reicht Wasser zur Erfrischung. „Möchten Sie sich kurz umschauen?“ fragt er. Aber ja doch. Journalisten sind neugierig. Drei Zimmer – an einem steht „Kabinett“ – Küche, Bad auf 75 Quadratmetern, das ist nicht üppig. Für ihn passt es perfekt. „Ich habe keine Nachbarn neben mir und über mir nur den Dachboden. Wenn ich singe und übe, stört das keinen.“

CD-Cover Heiko Reissig - Jubiläumsalbum 2016
Ein Doppelalbum mit den schönsten Melodien der Liebe aus Operette und Oper ist der Auftakt für sein 40-jähriges Bühnenjubiläum 

Der ausgebildete Opernsänger hat einen kräftigen Tenor, hören wir später, als er beim Foto-Shooting ein paar Takte singt. Zu leicht für die schwere italienische Oper, befand seinerzeit sein Gesangsdozent an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, Prof. Wolfgang Büttner, und wies ihm den Weg auf die Operettenbühne. Gleich im ersten Studienjahr spielte der damals 24-Jährige an der Komischen Oper in Jacques Offenbachs Operette „Zwei Berliner in Paris“ eine der Titelrollen. „So kam ich in dieses Fach und habe es nie bereut“, erfahren wir bei Apfeltaschen und Kaffee. Er hat sie extra für uns gebacken. „Mit Liebe gebacken“, scherzt er. Mir fällt die Arie des Prinzen Orlofsky aus der „Fledermaus“ ein: „Ich lade gern mir Gäste ein, man lebt bei mir recht fein…“ Beim Kaffeebrühen muss ich helfen. Dem Teetrinker fehlt das Maß.

VerkBraut0144
Heiko Reissig als Hans in Bedřich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ mit Sopranistin Julia Henning, 2009

­

Schnell ist ausgemacht, dass er allein lebt. Junggeselle aus Passion? Ein Mann wie mit seinen Vorzügen ist doch ein Traum: gutaussehend, häuslich, charmant. „Nein. Bei mir ist es wie bei den Schmetterlingen. Ich fliege von Blüte zu Blüte, um die richtige zu finden. Noch hat es nicht gepasst.“ Die blauen Augen funkeln verschmitzt. Ich muss an einen Tonfilm- Schlager der 30-er Jahre denken, den er natürlich auch in seinem Repertoire hat: „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau‘n…“
Da ist aber keine Midlife-Crisis im Spiel, die Männer seines Alters oft mal überfällt. Diese Stimmung kommt in seinem Befindlichkeitsrepertoire gar nicht vor. Wie sollte es auch bei jemandem, der sein Herz der heiteren Muse verschrieben hat und fröhlichen Gemüts ist. Sein starkes Hinterland ist die Familie in Wittenberge, die Eltern, die Schwester mit Mann und Sohn. „Für meinen Neffen bin ich ein Traumonkel“, lacht er. Er hat mit mir schon die halbe Welt gesehen.“ Und so umgänglich und kommunikativ wie wir ihn erleben, ist er für den mittlerweile 26-Jährigen sicher ein echter Kumpel gewesen.

Pressebild Berliner Grammophoniker
Heiko Reissig mit seinem Ensemble „Die Berliner Grammophoniker“ und Opel-Legende Heidi Hetzer in ihrem „Hispano Suiza“, Bj. 1924

Reissigs Leben ist ausgefüllt. Neben Gastspielen, Konzerten, Tourneen kümmert er sich seit seiner Studienzeit um die Förderung junger Operetten-Künstler. Damals gründete er das „Deutsche Konzertbüro“, aus dem der Förderverein „BühnenReif“ hervorging. „Mir war aufgefallen, dass im Bereich der Operette nicht viel passiert, der Nachwuchs fast immer hintan stand. 2001 haben wir einen Studenten an das Liverpool Institute of Performing Arts delegiert, dessen Mitbegründer Paul McCartney ist.“ In diesem Sinne engagiert er sich auch ehrenamtlich als Präsident in der Europäischen Kulturwerkstatt Berlin-Wien. Und es kommen bekannte Schauspieler zu ihm, um ihre Stimme schulen zu lassen. Wie Karsten Speck, mit dem er zusammen in seinem letzten Studienjahr an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ studiert hat.

Heiko Chritian Reissig
Konzentriert studiert er die Noten ein

Mancher würde sich bei dieser Vielseitigkeit verzetteln. Reissig macht alles strukturiert, mit Akkuratesse. „Ich habe Spaß an allem, verliere aber nie die Übersicht. Das war schon immer so.“ Beim Blick auf seinen Schreibtisch können einem angesichts der Heftstapel und Notenblätter allerdings Zweifel kommen. „Alles hat seinen Platz“, gibt er Antwort auf meinen fragenden Blick.
Was bleibt eigentlich hängen bei den vielen Eindrücken, die unweigerlich auf ihn einstürmen, wenn er durch die USA tourt, in Ungarn, Österreich, Italien, Mexiko oder Afrika auftritt? „Vieles. Ich nehme mir immer Zeit, durch die Städte zu streifen, um etwas von dem Lebensgefühl aufzunehmen. Und  natürlich bleiben die Begegnungen mit den Menschen. Unglaublich, wie beliebt unsere Operettenmusik in Japan ist.“

Begeistert erinnert er sich an die Konzerte im traditionsreichen Freizeitpark „Glücks-Königreich“ auf der Insel Hokkaido. Fünf Monate hat er dort fast jeden Tag für die Besucher im Nachbau von Schloss Bückeburg gesungen. „Ein japanischer Milliardär hat nahe der Stadt Obihiro ein Mini-Deutschland erbauen lassen, mit Straßen, Fachwerkhäusern, Schlössern, Denkmälern – alles in Originalgröße“, erzählt er. „Die Japaner haben eine große Vorliebe für die deutsche Kultur. Viele können sich die Reise nach Deutschland aber nicht leisten. Sie kommen in den Park.“
Unvergesslich für ihn die Konzerte am Nordpol in der berühmten Eiskirche von Tromsø. Und eben erst ist er von einer 12-tägigen Ostsee-Kreuzfahrt zurückgekehrt. „Ich habe reiche Leute unterhalten. Für die meisten war Operette leider ein Fremdwort.“ Aber er hat sie eingefangen und als galanter und humorvoller Fremdenführer in seiner „Musikalischen Rumpelkammer“ auf eine Zeitreise in die Welt berauschender Operetten- und Filmmelodien mitgenommen.

Heiko Chritian Reissig
Die Gedanken schweifen lassen muss auch mal sein

Das Programm ist eine Hommage an die Helden seiner Kindheit. Und das war nicht Gojko Mitic als DEFA-Indianerhäuptling Tokei-ihto, Chingachgook oder Ulzana und auch nicht Pierre Brice als Winnetou. Ihn haben die Ufa-Stars wie Heinz Rühmann, Marika Rökk, Zarah Leander, Hilde Hildebrandt, Hans Moser, Theo Lingen oder Johannes Heesters fasziniert. „Wenn montags die alten Filme im Fernsehen liefen, lag ich auf dem Boden hinter der Couch, im Rücken meiner Eltern, und habe heimlich mitgeguckt. Kult wurde für den Jungen auch „Willi Schwabes Rumpelkammer“. Eine sehr beliebte Fernsehsendung in der DDR. Der Schauspieler Willi Schwabe entstaubte in einer Bodenkammer Requisiten und Schallplatten mit Melodien berühmter Ufa-Filme und zeigte Szenen, zu denen er immer auch Anekdotisches und Hintergründe zu berichten wusste.

Renate Holm & Heiko Reissig, 2013
Duett mit Kammersängerin Prof. Renate Holm

Das hat tiefe Spuren hinterlassen bei dem kleinen Heiko und seine Liebe zu der Welt der heiteren Muse geweckt, die heute seine große Leidenschaft ist. „Ich wollte diese Ufa-Stars unbedingt kennenlernen.“  In der DDR eine Unmöglichkeit. Doch die Wende 1989, der Beitritt zur BRD, ließ ihn hoffen. „Ich habe sie fast alle noch getroffen, sogar wunderbare Freundschaften entstanden“, erzählt er. Er war zu Gast bei Heinz Rühmann, bei Marlene Dietrich in Paris, Carl Raddatz, Leni Riefenstahl, Hans Holt, Paula Wessely, Camilla Spira, Johannes Heesters, Karin Hardt, Jenny Jugo, Marianne Hoppe, Kristina Söderbaum… Stars, deren Namen heute fast vergessen sind. Heiko Reissig holt sie in seinen unterhaltsamen Konzertprogrammen wieder auf die Bühne. – „Greifen Sie zu, der Teller muss leer sein, wenn Sie gehen“, animiert er uns, bevor er einige seiner Anekdoten erzählt, und wir uns seine Fotosammlung anschauen.

Heiko Chritian Reissig
Ufa-Legende Heinz Rühmann hat seinen größten Fan 1989 nach Aachen eingeladen. Heiko Reissig (r.) 

Ein Schwarzweißfoto zeigt ihn mit Ufa-Legende Heinz Rühmann. Seine Filme „Die drei von der Tankstelle“ oder „Die Feuerzangenbowle“ sind Evergreens. Dutzende Briefe schrieb der Junge aus Wittenberge damals an seinen allergrößten Schwarm. „Ich hatte keine Adresse, deshalb stand auf dem Umschlag nur: An Heinz Rühmann, BRD.“ Die Deutsche Post der DDR hat sie aussortiert. Kontakte in den Westen waren nicht erwünscht. Angekommen ist nur einer. „Den hatte ich 1988 bei einem Urlaub in Budapest geschrieben und von dort abgeschickt.“

Wenige Monate später, kurz vor Weihnachten, kam Antwort. „Als ich Büro H. R. las, haben mir vor Aufregung die Hände gezittert.“ Heinz Rühmann bedankte sich und schickte mir seine Biografie mit einer Widmung.“ Das Jahr darauf, Wendezeit, erhielt er unerwartet einen weiteren Brief. Diesmal mit einer persönlichen Einladung des Schauspielers. „Lieber Heiko Reissig“ hieß es darin, „Ihr Wunsch ist nicht vergessen. Herr Rühmann lädt Sie zu seiner letzten Weihnachtsmatinee am 17. Dezember 1989 in das Stadttheater nach Aachen ein. Die Karte liegt an der Kasse.“

Heiko Chritian Reissig
Heiko Reissig mit Hertha Rühmann in der Villa am Starnberger See, wo er für die Familie ein Hauskonzert gegeben hat

Sein Herz jubelte. Der 23-Jährige nahm seine 100 DM West Begrüßungsgeld, mit denen man die DDR-Bürger nach der Grenzöffnung in der BRD willkommen hieß, kaufte eine Fahrkarte und fuhr nach Aachen. „Meine erste Westreise ging zu meinem großen Star. Kaum zu fassen, wenn man weiß, dass Heinz Rühmann mit seinen Fans grundsätzlich keinen persönlichen Kontakt pflegte. Es traf mich wie ein Blitz, als er mir von der Bühne in die Augen sah. Bei Hirschbraten und Klößen, Rühmanns Lieblingsessen, unterhielten ich mich mit ihm und seiner Gattin Hertha im Hotel Steigenberger zwei Stunden.“

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Es war die Neugier auf den Jungen aus dem Osten, der mit seinem Brief den großen Rühmann zu Tränen gerührt hatte, die den Schauspieler diese Ausnahme machen ließ. Der damals bereits 88-Jährige hat bis dahin nicht erahnt, wie sehr ihn auch die Menschen auf der anderen Seite der Mauer verehrt haben. „Später habe ich bei Rühmanns am Starnberger See ein Hauskonzert gegeben. Frau Rühmann schrieb mir danach in einem berührenden Brief, ich hätte mit meinem Singen das Glück in ihr Haus gebracht.“ Heinz Rühmann starb 1994, mit 92 Jahren. Zu seinem 100. Geburtstag widmete Heiko Reissig seinem Lieblingsstar das heiter-besinnliche Kammerspiel „Ein Freund, ein guter Freund!“, das er zusammen mit Prof. Hans-Hermann Krug, dem damaligen Intendanten des Winterstein-Theaters Annaberg-Buchholz – schrieb. Die Hauptrolle sang und spielte der beliebte DDR-Musicalstar Peter Wieland.

Kutsche-Brandenburger Tor-1.10.2007
Operettenstars unter sich: Renate Holm, Heiko Reissig und Peter Wieland 2008 zur Eröffnung der Europäischen Kulturwerkstatt am Brandenburger Tor in Berlin

Fast alle Sehnsüchte aus Kindertagen erfüllten sich. Prof. Boleslaw Barlog, ehemaliger Generalintendant der (West)-Berliner Schauspielbühnen mochte den interessierten Musikstudenten, der sich bei ihm gleich nach der Wende vorstellte. Beide freundeten sich an, und Reissig wurde Barlogs persönlicher Assistent. „Er hat mir die ersten Wege zu den Ufa-Stars geebnet“, erzählt Reissig. „Barlog rief bei ihnen an und sagte: Da kommt so ein kleener Verrückter, seid mal nett zu ihm.“

Heiko Chritian Reissig
Prof. Boleslaw Barlog und Heiko Reissig 1996. Der ehemalige Generalintendant der Berliner Schauspielbühnen unterstützte den wissbegierigen und sympathischen jungen Mann

Heiko Chritian Reissig

Rökk-Widmung Heiko Reissig
Marika Rökk schreibt ein Autogramm für Heiko Reissig 

Heiko Reissig besuchte Marika Rökk in ihrer Villa in Baden bei Wien. Eins seiner kuriosesten Erlebnisse. „Ich stand im Salon. Eine große Eichentür ging auf und Marika Rökk erschien in einem dunkellila Morgenmantel. Ich wollte gerade etwas sagen, als sie mich, die Arme ausbreitend, in ihrem faszinierenden ungarischen Dialekt begrüßte: ,Junger Mann, wenn Sie kommen auf Bühne, Sie müssen machen groß, groß, groß! Habe ich gemacht mein ganzes Leben. Immer für das Publikum groß, groß, groß! Und ganz wichtig’ – sie streckte mir ihr rechtes Bein entgegen und schlug drauf – ,Muskulatur, Muskulatur ! Fass mal an!’ Ich durfte wahrhaftig den Oberschenkel der großen Rökk berühren! Unglaublich, wie im Traum! Dann haben wir Kaffee getrunken und noch viel gelacht.“ Heute ist er mit Rökks Tochter Gabriele Jacoby befreundet. „Wenn ich Konzerte in Österreich gebe, wohne ich in der Villa ihrer Mutter.“

Mit der Schauspielerin Ilse Werner, berühmt für ihr Pfeiftalent, stand er in seinem Programm „Operette mit Pfiff“ auf der Bühne. Er gerät ins Schwärmen über die gemeinsamen Auftritte. „Ein wunderbare Künstlerin, aber auch ein Biest. Sie ließ mich einmal auf der Bühne stehen, ging einfach ab. Sie hatte ihren Pfiff-Einsatz vergessen. “

Rökk-Gala 3.11.2013 HCR - Budapester Operettentheater
Heiko Reissig ist Stargast bei der großen Gala zum 100. Geburtstag von Marika Rökk 2013 im Operetten-Theater Budapest

Unzählige Devotionalien hat er im Lauf der Jahre geschenkt bekommen, so einen weißen Schal von Johannes Heesters, von Marika Rökk das Monokel aus ihrem Film „Die Frau meiner Träume“. Die Hausjacke und die Laterne von Rumpelkämmerer Willi Schwabe gehören zu seinem Bühnenoutfit, wenn er seine „Musikalische Rumpelkammer“ präsentiert.

Heiko Chritian Reissig
Mit Diseuse und Brecht-Interpretin Gisela May 1984 auf dem Solidaritätsbasar der DDR-Journalisten in Berlin 

Dass er sich mit Haut und Haaren einmal der Operette verschreiben würde, hatte Heiko Reissig nicht im Sinn, als er mit zehn Jahren als Kinderdarsteller in der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ die phantastische Welt des Theaters betrat. Es fügte sich alles auf seinem Weg auf die Operettenbühne, wenn auch mit einigen Umwegen. Die Eltern, bodenständige Leute, hatten nichts mit Kunst zu tun. „Ich bin das sogenannte Schwarze Schaf“, erzählt er.
Weil der Vater meinte, er solle einen handwerklichen Beruf erlernen, damit er etwas könne, wenn es als Sänger nicht klappt, absolvierte der Sohn nach dem Abitur bei der Schweriner Volkszeitung zunächst eine Lehre zum Buchdrucker und Typografen. Im Anschluss holte die obligatorische Wehrpflicht den 18-Jährigen für anderthalb Jahre zur Nationalen Volksarmee. Als sein Wehrdienst beendet war, ging er in die Kultur, wurde in Perleberg wegen seines Organisationstalentes gleich stellvertretender Kulturhausleiter – der jüngste in der DDR.

Rebroff IMG_3416
Mit Ivan Rebroff 2007

Sein Organisationstalent und sein Engagement fielen überall auf. Die FDJ-Kreisleitung Perleberg delegierte ihn 1988 zum Pfingsttreffen nach Berlin. Ihm oblag es, hinter den Kulissen die Jugendrevue „Immer am Ball“ im Friedrichstadtpalast zu managen. Das sollte kein Intermezzo bleiben. Friedrichstadtpalast-Intendant Reinhold Strövesand gefiel der kreative junge Mann aus Wittenberge. So einer fehlte in seiner Abteilung für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Er bot ihm eine Stelle an. „Wer hätte da nein gesagt“, erinnert sich Heiko Reissig. „Aus der Provinz nach Berlin, davon träumte jeder damals.“

Udo Lindenberg + HCR 2004 Berlin Kempi
Udo Lindenberg und Heiko Reissig in Hamburg. Der Operetten-Tenor mag Lindenbergs Musik und schätzt dessen klare Haltung

Er suchte sich eine Wohnung, die er mit viel Glück im Friedrichshain fand. 26 Quadratmeter klein. Seine Berufswünsche richteten sich nun in Richtung Regie. Er hatte den Studienplatz an der Filmhochschule Babelsberg schon fast in der Tasche, als er bei der Musikprüfung gefragt wurde, warum er mit seiner Stimme nicht Opernsänger wird. „Das gab mir zu denken, mein Kindertraum keimte wieder auf. Langen Überlegungen, wohin nun des Wegs, nahm ihm die Wende ab. Über das beliebte Revuetheater – mit der größten Theaterbühne der Welt, 2854 m² – rollte 1990 wie über alle Betriebe der DDR nach deren Beitritt zur BRD die Entlassungswelle. „400 der 700 Mitarbeiter mussten gehen.“ Seine Gesangslehrerin riet ihm, sich nun endlich für ein Studium zu bewerben, bevor er arbeitslos wird.

Heiko Chritian Reissig

An der renommierten Hochschule für Musik und Theater in Leipzig wurde er sofort angenommen. Später studierte er noch weiter an den Hochschulen in Berlin und München. 1994 hatte er sein Diplom als Opernsänger und Gesangspädagoge in der Tasche. In den USA, Italien und Österreich folgten Meisterkurse in Gesang, unter anderem bei der weltberühmten Operettensopranistin Marta Eggerth, der Ehefrau von Jan Kiepura. Bei dem großen Maximilian Schell lernte er in Köln Schauspiel.

Heiko Chritian Reissig
Maximilian Schell unterrichtete den jungen Operetten-Tenor in der Schauspielkunst. Ihre Freundschaft hielt bis zum Tod der Schauspiel-Legende

Auch seiner Neigung zur Regie folgte er noch, studierte bei den namhaften Theater- und Opernregisseuren Ruth Berghaus, Harry Kupfer und August Everding. „Für mich bedeutet der Beruf mehr, als nur auf der Bühne zu stehen und zu singen.“ Seiner Leidenschaft alles zu geben, was er vermag, das ist sein Credo. Als Sänger, Schauspieler, Moderator vermag er sein Publikum mitzureißen. Schubladendenken sind dem charismatischen Multitalent fremd.

Heiko Reissig & Damenquartett (2)
Heiko Reissig mit einem prominenten „Damenquartett“ – Anke Lautenbach, Sarianna Salminen, Stephanie de Kowa und Lauren Francis (v.l.)

1998 wird Reissig zu den traditionellen österreichisch-ungarischen Operetten-Festspielen nach Mörbisch am See eingeladen. Täglich 6000 Operetten-Liebhaber strömen zu dem alljährlichen Sommerfestival. „Die Begeisterung des Publikums war umwerfend. Die Österreicher lieben und pflegen die Operette, was ich mir auch für Deutschland wünschte“, sagt er. Mit der Idee, in Wittenberge ein ähnliches Sommerfestival der heiteren Muse zu gründen, fuhr er damals nach Hause. „Es war nicht leicht, die Vertreter der Stadt davon zu überzeugen, dass Kultur auch ein Wirtschaftsfaktor ist“, erinnert sich Heiko Reissig. „Was brauchen keine Kultur, wir brauchen Industrie, hieß es.“ Schließlich erlebten 1400 Zuschauer mit dem „Feuerwerk der Musen“ am 20. Juni 2000 die Geburt der Internationalen Operetten-Festspiele in der Industriebrache Alte Ölmühle. Es wurde ein grandioser Erfolg und die Presse feierte ihn als „Kavalier der heiteren Muse“.

Heiko Chritian Reissig
2000 war Operetto-Tenorbuffo Reissig bei den Seefestspielen in Mörbisch im „Zigeunerbaron“ zu erleben

Die Elblandfeste leben bis heute erfolgreich weiter und locken Jahr für Jahr das begeisterte Publikum in Scharen nach Wittenberge. 2012 wurde dem Künstler, anlässlich seines 25-jährigen Berufsjubiläums, in der Berliner Philharmonie der Ehrentitel „Kammersänger“ verliehen. Derzeit forscht und schreibt er an seiner Promotion an der Universität der Künste zur Geschichte der Staatsoper Berlin von 1933-1945. Sein Mentor ist der legendäre Staatsopernintendant Prof. Dr. Hans Pischner, mit dem er schon seit über 30 Jahren sehr befreundet ist.

Heiko Reissig - Meer

Was bleibt noch offen in seinen Wünschen? „Nicht nur die Operette ist heute eine vergessene Kunst. In unseren Filmarchiven zerfallen jeden Tag sechs Kilometer Filmkunst. Weil die alten Nitro-Filme keiner mehr zeigt, werden sie auch nicht in moderne Speichermedien überspielt. Ich wünsche mir daher ganz dringend einen eigenen Fernsehkanal, in dem diese Schätze gehoben, gesichert und den nachwachsenden Generationen nahegebracht werden. Wie uns damals von Willi Schwabe. Das hatte bleibenden Effekt.“

http://www.heikoreissig.de

Aktuelle Termine:

17.7. – 23. 7. Konzerte „Im weißen Rößl am Wolfgangsee“ in St. Gilgen am Wolfgangsee und Wien

– 24.9. – Große Jubiläumsgala 40 Jahre Bühne „HR – Ich lade gern mir Gäste ein!“ / Festspielhaus Wittenberge mit vielen Stars und Künstlerkollegen von Bühne & Film

Plakat 24.9.2016

15./16.12. – Meistersingerhalle Nürnberg:  Nürnberger Weihnachtsgala (Gesang & Moderation) u. a. mit Startrompeter Walter Scholz

Und ab Januar 2017 geht er mit seiner Filmschlager-Revue „Das gab’s nur einmal“ zum 100. Geburtstag der Ufa auf Tournee.Elf Konzerte im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin stehen schon. Internationale Stars wie die Schwedin Karin Pagmar und die dänische Sopranistin Lisa Tjalve werden dabei sein.

 

Von Brecht bis C. U. Wiesner – zum Tod von Stefan Lisewski

Heute, am 6. Juli, wäre Stefan Lisewski 83 Jahr alt geworden. Er starb vor vier Monaten, am 26. Februar 2016. Ich hatte das Vergnügen, ihn persönlich kennen zu lernen. Seine Filme haben mich in meiner Jugend begleitet: Der DEFA-Film „Das Lied der Matrosen“, seine erste Filmrolle 1958, „Verwirrung der Liebe“, „eine Handvoll Noten“ oder der Kinderfilm „Die Jagd nach dem Stiefel“ gehören zu meinen Erinnerungen an ihn.

prominentimostblog

Es macht traurig. Schauspieler Stefan Lisewski ist tot. Er starb am 26. Februar im Alter von 82 Jahren. Unerwartet für alle. Ich habe ihn weniger auf der Bühne des Berliner Ensembles erlebt, wo er in nahezu allen Brecht-Stücken Hauptrollen spielte, als vielmehr in zahlreichen DEFA- und Fernsehfilmen. Rothaarig, sportliche 1,90 Meter hochgewachsen und mit einer einprägsamen, ausdrucksstarken Stimme, war er ein besonderer Typ. Überzeugend in seinen künstlerischen Darstellungen und von Kollegen, insbesondere Filmpartnerinnen, zudem wegen seiner humorvollen Art, seiner Jungenhaftigkeit besonders gemocht. „Mit ihm zu drehen war stets ein Vergnügen“, erinnerte sich Annekathrin Bürger in einem unserer vielen Interviews. In den Erinnerungen an ihren ersten Film „Verwirrung der Liebe“ (1959) verriet mir Angelica Domröse, dass ihr Stefan Lisewski imponiert habe. „Er hat am BE gespielt!“

12144691_1074751285880407_90651267554558913_n.jpg Stefan Lisewski 2009 beim Filmtreff in Quedlinburg c/o Hans-Jürgen Furcht

Da, wo sie hin wollte, gehörte Lisewski von 1957 an zu den wichtigsten Schauspielern. Mit der Übernahme…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.065 weitere Wörter

Hilmar Thate – Ein Guerillero auf der Suche

„Die Zeit ist unerbittlich und läuft immer schneller, merkwürdigerweise. Man muss das akzeptieren. Man kann nicht unentwegt darüber sinnieren, wie viel einem noch bleibt. Das sind die großen Ungewissheiten im Leben.“

So begann mein erstes Interview vor 15 Jahren mit Hilmar Thate. Sein 70. Geburtstag hat uns damals zu einem sehr langen philosophischen Gespräch über das Leben veranlasst, das ihn wie auf einer Achterbahn rauf und runter schickte. Wir redeten darüber, welchen Sinn alles Geschehene gemacht hat. Ich weiß es noch wie heute: Mit meinem PC bin ich zu ihm nach Charlottenburg gefahren, und wir haben die Gedanken sortiert, an Fragen und Antworten gefeilt. Es war uns wichtig, dass es genau wird und einen Humor hat. Es machte großen Spaß. Der zierliche Mann mit der strubbligen Punk-Frisur, die ihm die Natur geschenkt hat, ist ein sehr witziger Mensch. Unter der Überschrift „Ich bin ein Guerillero“ erschien es am 17. April 2001 in der „Morgenpost“.

Hilmar Thate
In seinem Lieblingsitaliener stoßen wir 2006 auf seinen 75. Geburtstag an. Foto: Yorck Maecke

Damals begannen wir uns gut leiden zu können und legten das Fundament Vertrauen für spätere Begegnungen, an deren Ende ein Interview stand. An besonderen Geburtstagen waren sie gesetzt. Nur in diesem Jahr, zu seinem 85., musste die Plauderei, der Rückblick mit neuen Erkenntnissen ausfallen. „Es geht nicht“, sagt Angelica Domröse, die nur knapp zwei Wochen zuvor, am 4. April, ihren 75. Geburtstag beging. „Wir sind nicht auf der Höhe.“ Mehr ist von ihr nicht zu erfahren.

Seit 40 Jahren geht das Paar zusammen durchs Leben. Nicht ohne große Krisen, an denen ihre Beziehung jedoch nicht gescheitert ist. Im Gegenteil. „Wir haben uns geschützt und gestützt. Es ging um mehr als unsere Liebe. Die Ereignisse nach dem Verlassen der DDR haben uns vor eine ganze Problemserie gestellt. Ihre Bewältigung hat uns zu einem großen Bündnis gemacht“, beschreibt es Hilmar Thate. In diesem Bündnis ist es jetzt Angelica Domröse, die ihn, ihre  Lebensliebe schützt und stützt. Zuletzt trafen wir uns 2013 zur Premiere der Filmkomödie „Hinterm Horizont, dann links!“ über den Aufstand einer Seniorengruppe mit einer sehr aufmüpfigen Angelica. Er wirkte zerbrechlich, aber es war Freude in seinen Augen.

8. Preisverleihung der DEFA Stiftung
Angelica Domröse und Hilmar Thate vor dem Kino Babylon zur Preisverleihung der DEFA Stiftung 2008. Foto: André Kowalski

Gespräche mit Hilmar Thate haben mich immer bereichert. Ich profitierte von der Tiefgründigkeit seiner Gedanken, der Weisheit, seiner Suche nach dem Sinn des Daseins der Menschheit seit dem Urknall „Gegen Erdbeben ist kein Kraut gewachsen. Aber was an technischem Unfug gemacht wird, ohne die Risiken zu bedenken, grenzt an Lebensmüdigkeit.“ Thate hat sich und sein künstlerisches Tun stets in Beziehung zur Welt gesetzt. So erlernt bei Brecht am Berliner Ensemble, dem er zehn Jahre angehört hat, und mit dem er um die Welt reiste als Givola in „Arturo Ui“ (1959) oder als Aufidius in „Coriolan“. In der Erinnerung an diese Zeit schwärmt er von Helene Weigel, der Prinzipalin. „Unser Verhältnis entwickelte sich allmählich. Helli war eine Urwienierin, mit Schmäh und Verspieltheit. Sie kochte vorzüglich. Wir spielten zusammen in Mutter Courage, Coriolan, Frau Flinz. Eine grandiose Schauspielerin! Ihre Schützlinge hat sie umsorgt und war außerdem eine Frau mit Geschmack und großem ästhetischen Feingefühl. Das übertrug sich besonders auf uns junge Schauspieler. Angelica, die 1960 kam, hat ihr die Leidenschaft für Antiquitäten zu verdanken.“

IMG_3702
Hilmar Thate in„Wahlverwandtschaften“, 1974 Foto:  DEFA/Goldmann (Repro aus Thates Autobiografie „Neulich , als ich noch Kind war“)

In den vergangenen sechs Jahrzehnten deutscher Theater- und Filmgeschichte hat Hilmar Thate eine kräftige Spur hinterlassen mit seinen markanten Interpretationen  von Gestalten wie Shakespeares „Richard III.“ ( 1972),  Galy Gay in Bertolt Brechts „Mann ist Mann“ (1969) oder auch dem LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ (1976, DDR-Fernsehen). Seine letzte Rolle vor der Kamera ist der Komponist Hanns Broch in dem Drama „Hitlerkantate“ (2004), in dem es letztlich um die Frage geht, welche Verantwortung ein Einzelner für den Gang der Geschichte trägt. Welche Rolle dem Künstler in der Gesellschaft zukommt. Für Thate heißt künstlerische Auseinandersetzung, „wach zu sein, neugierig, hirnfähig, das mit zu verarbeiten, was ich erlebe. Doch nicht vordergründig.“

IMG_3707
Baby Hilmar 1932, Foto: privat

Thate kam am 17. April 1931 in Dölau zur Welt. Der Vater war Lokomotivbauer und darüber hinaus ein Musenmensch. Er mochte Wagner, Verdi, sang und hatte immer die Sehnsucht, mehr wissen zu wollen. Diesen Drang gab er an seine drei Kinder weiter. Hilmar, der sich sehr früh für Literatur interessierte, entdeckte bald den Reiz des Theaters für sich. „Ich war ein Dörfler und wollte immer die Welt hinter Dölau kennenlernen. Das Theater hatte für mich eine höchste Merkwürdigkeit. Schauspieler waren für mich besondere Menschen. Auf der Straße habe ich ihnen immer hinterher geguckt. Über die Staunerei fühlte ich mich herausgefordert, das auch zu schaffen.“

An der Staatlichen Hochschule für Theater und Musik Halle wurde der Grundstein gelegt. 1949, mit Achtzehn, stand der Dorfjunge in Cottbus auf der Bühne. Der Oberspielleiter Hans Albert Schewe erkannte sein Potenzial und schickte ihn zu Brecht nach Berlin. Diese Begegnung gehört zu den nachhaltigsten Höhepunkten in Thates Leben. „Ich saß in Brechts Wohnung in Weißensee. Er unterhielt sich eine Stunde mit mir, und wir vereinbarten für den nächsten Tag einen Vorsprechtermin. Helene Weigel, die Prinzipalin und hochgeschätzte Schauspielerin, lehnte ihn ab. „Geh, Buberl, lern’, erst ’mal sprechen“, sagte sie ihm. Er sah sich noch Mutter Courage im Theater an und fuhr dann kleinlaut nach Cottbus zurück.

IMG_3712
Porträt von 1949. Foto privat

Zweifel nagten, er wollte den Beruf aufgeben. Doch was dann? – Thate ging nach Berlin zurück. Seine Schule wurden das Theater der Freundschaft und das Gorki Theater. „Es war generell in meinem Leben immer eine Angststufe zu überwinden, eine sehr hohe Hürde, um dann loszulegen“ sagte im Interview 60 Jahre später. 1959, zwei Jahre nach Brechts Tod, schaffte er es, die Weigel zu überzeugen, dass er bei ihr spielen kann. Die Zeit am Berliner Ensemble prägte ihn entscheidend. Dennoch verließ er das BE 1970. „Das Theater war in seiner Weltberühmtheit erstarrt und fing an, sich selbst zu zitieren. Meine Hoffnung auf ein Team, einer Denkgemeinsamkeit, auf Übereinstimmung, was Themen betrifft, das hat sich nicht erfüllt. Ich habe mich für die freie Wildbahn entschieden und bin ein Guerillero geblieben.“

Nach einem Intermezzo an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz spielte er ab 1972 am Deutschen Theater, umjubelt als „Richard III“. Wirklich glücklich war er nicht. „Es war kein Haus, das Leute offenherzig aufnahm. Ich wurde nur schwer geduldet“, erinnerte er sich in seinem Rückblick. Aber: „Erfolg und Erfüllung von Sehnsüchten fliegen einem nicht wie gebratene Tauben in den Mund. Es gab mehr Zäsuren, Hochs und Tiefs als ich geahnt habe, mehr Feinde als Freunde. Das gehört zu dem großen Spiel, das da Leben heißt.“

In der DDR feierte Hilmar Thate vor allem auch als Filmschauspieler große Erfolge. Schon 1954 holte Regisseur Wolfgang Staudte den jungen Schauspieler vor die Kamera. „Einmal ist keinmal“  wurde Thates Leinwanddebüt. Er entwickelte sich zu einem erstklassigen Charakterdarsteller und begreift sich als politischer Schauspieler, der seinen Figuren Leidenschaft und Energie verleiht.

IMG_3693
Mit Raimond Schelcher in „Das Lied der Matrosen“ 1958 (Repro aus Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“)

Es sind ausnahmslos jene, die sich  positionieren, meistens fortschrittlich-revolutionär, idealistisch: 1958 im DEFA-Film „Das Lied der Matrosen“, 1960 in „Professor Mamlock“, 1974 in Goethes „Wahlverwandtschaften“, 1976 den LPG-Vorsitzenden „Daniel Druskat“ im gleichnamigen TV-Fünfteiler. Für diese Rolle wurde er mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Später, im Westen, fasziniert er auch auf der Seite des Bösen. Er verleiht dem Kindermörder im Tatort „Ein mörderisches Märchen“ eine menschliche Gestalt voller Widersprüche wie auch dem Zuhälter in der TV-Serie „Der König von St. Pauli“. Thate ist der Mephisto, nie der Faust. Er sagt dazu: „Mich fasziniert die Kraft, ,die stets das Böse will und stets Gutes schafft’, von der Mehrdeutigkeit, die in diesem Gedanken steckt, mal ganz abgesehen.“

Das Jahr 1976 war auch das Schicksalsjahr für Hilmar Thate und Angelica Domröse. Im Juli heirateten sie. Das gehört zu den schönen Ereignissen. Die schlimmen folgten, nachdem sie die Petition kritischer DDR-Künstler gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatten. „Es ging uns nicht um die Person. Aber man kann nicht einen rausschmeißen und Tausende nicht rauslassen. Deshalb haben wir das gemacht.“ Man hat sie bedrängt, ihre Unterschrift zurückzunehmen. Die Oberen der DDR wollten das bekannte Schauspielerpaar nicht verlieren. Der Chefideologe Kurt Hager selbst bemühte sich um sie. Als man merkte, dass sie nicht widerrufen würden, kam die Strafe. Die Theater versagten Hilmar Thate Rollen, auch Filmangebote bekam er nicht mehr. Der Fernsehfilm „Fleur Lafontaine“ 1978 war für ihn die letzte Arbeit in der DDR.

IMG_3703
1978 in „Fleur Lafontaine“ mit seiner Frau Angelica (Repro aus  Thates Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“)

„Es war nicht unser Trachten, die DDR zu verlassen. Weder Angelica noch ich mochten das kapitalorientierte System im Westen. Aber man hatte uns die Existenzgrundlage genommen, und wir wollten uns nicht verbiegen lassen. Wir waren genötigt, eine Entscheidung zu treffen.“ 1980 siedelten sie nach Westberlin über. Das Eingewöhnen war schwer, die Arbeit half. Beide hatten Glück. Hilmar Thate wurde am Schillertheater engagiert, brillierte gleich in „Jeder stirbt für sich allein“, Angelica drehte „Don Quichottes Kinder“. Sie bauten sich ein neues Leben auf. Und sie stehen viel zusammen auf der Bühne. Am Schlosspark-Theater in „Virginia Woolf“ oder in George Taboris Inszenierung „Stalin“ 1988. ein Zwei-Personen-Stück von Gaston Salvatore. Tabori besetzte Angelica Domröse in der Titelrolle, Thate spielte den jüdischen Schauspieler, der als Spielball für den Diktator herhalten muss. Das ungleiche Duell zweier hochintelligenter Männer trieb die Spiellust der Beiden zur Grandiosität. „Diese Arbeit gehört durch den hohen Grad ihrer Ungewöhnlichkeit zu den wertvollsten in meinem Theaterleben“, resümiert Thate in seiner Autobiografie.

Thate arbeitete unter Regie-Größen wie George Tabori, Peter Zadek, Ingmar Bergman unter anderem in Wien und Salzburg. Mit Rainer Werner Fassbinder drehte er „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und ist den Fernsehzuschauern im Westen als schillernder Bordellbesitzer Rudi Kranzow in Dieter Wedels Fernsehserie „Der König von St. Pauli“ bekannt geworden. 2004 stand er für den Film „Hitlerkantate“ das letzte Mal vor der Kamera. Es lag an den Angeboten. Er mochte sie nicht spielen. Es sind nun mehr seine Soloauftritte mit Liedern und Texten von Brecht und Weill oder Lesungen aus seiner 2006 erschienenen Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“, mit dem er seine Freude an Auftritten vor Publikum stillt.

IMG_3690
Die Autobiografie erschien 2006

Zu seinem 80. Geburtstag  2011 habe ich ihn gefragt, was ihn noch vorwärts treibt. Er antwortete: „Das Denken. Wenn das vorbei ist, bin ich tot. Im Spiel des Lebens haben wir nicht die Hauptrolle und schon gar nicht für ewig. Aber so lange ich existiere und atmen kann, neugierig bin, habe ich diese heilige Unruhe in mir, weiterzudenken, weiterzudrängen, in Frage zu stellen oder zu verändern. Ich liebe Veränderungen.

Thate 2011 zu Fragen seines Lebens

Erstaunt es Sie, so alt zu sein?
Ja. Ich habe nie gedacht, dass ich mal diesen Geburtstag erlebe. Ganz lange Zeit war ich immer der Jüngste, jetzt bin ich plötzlich einer der Ältesten. Das ist komisch. Es ist ein gewisser Glückszustand, dass ich mich fühle wie jetzt. Man merkt natürlich, dass die Energie kürzer zu fassen ist, dass man eher ermüdet. Aber man muss sich diesen Zustand an die Brust ziehen und sagen: Sei mein!

Was, wenn’s mal anders wird?
Ich möchte nie nicht lebend ein Elend ertragen. Meinem Hausarzt und Freund habe ich gesagt: „Wenn ich in einer dreckigen Situation bin, halt den Schierlingsbecher bereit.“

War der Gang in den Westen nicht eine Befreiung von Zwängen, wenn auch unfreiwillig?
Aber ja. Du kannst Leute nicht unentwegt abgrenzen, ohne dass sie dabei Schaden nehmen. Wir müssen die Welt in Gänze wahrnehmen können. Sonst wird man unfähig, mit Realität umzugehen. Das ist in der DDR leider passiert. Ich habe als positiv angenommen, dass ich die Welt sehen konnte, Leute wie Rainer Werner Fassbinder, Rosl Zech und Ingmar Bergman kennenlernte. Andererseits ist die Freiheit hier, auch nicht der letzte Schrei. Wir sind ebenso Zwängen unterworfen. Nur wie die Goldfische in der Flasche merken wir nicht, dass es keine Freiheit ist, sondern eine große Flasche.

Dahinter steckt aber viel Ironie.
Ja, natürlich. Sonst hätte ich keine Freunde. Und ich habe wirklich Freunde.

Was würden Sie anders machen, wären Sie noch mal jung?
Ich habe neulich erst gedacht, dass ich heute wahrscheinlich nicht mehr in diesen Beruf gehen würde. Theater war immer ein Seismograph für die Befindlichkeit der Gesellschaft. Heute stehen Schauspieler aufgereiht an der Rampe mit einem Fragezeichen über dem Bauch. Und gestellt wird auch nur die Bauchfrage – die keineswegs abendfüllend ist: Wer bin ich? Ohne Beziehung zur Welt, deren Gefährlichkeit, deren sozialen Verwerfungen. Theater ist abgesackt in die Beliebigkeit. Es kommt nicht mehr zu dem, was wir uns leisten konnten – über eine Theorie, ein Modell nachzudenken. Da war übrigens das weltberühmte Berliner Ensemble in der DDR eine Enklave.

IMG_3694
Repro aus der Autobiografie „Neulich, als ich noch Kind war“

Das heutige Theater liegt nicht mehr auf Ihrer Wellenlänge?
So ist es. Ich will nicht mehr Theater spielen. Wirkliche Ensemblearbeit gibt es nicht mehr, jeder bewegt sich gegen jeden. Wie in der Gesellschaft. Es müsste eine ganz neue Denkweise einsetzen, um etwas zu verändern. Ich trete gern auf, aber allein. Singe meine Lieder, lese Brecht oder aus meinem eigenen Buch. Das macht mir Spaß. Und es gefällt dem Publikum, das gern Frage- und Antwortspiel treibt

Der gelernte DDR-Bürger hat sich gemeinhin für einen politischen Menschen gehalten.
Wir waren vermeintlich politisch. Genau genommen waren wir aber Duckmäuser, haben uns mit einer gewissen niedrigen Anspruchsweise identifiziert. Sonst hätten wir etwas getan. Die DDR und der Westen hatten einiges gemeinsam – das deutsche Kleinbürgertum. Das hat es immer gegeben. Hüben wie drüben.

Der sozialistische Gesellschaft war eine Utopie. 
Wir Menschen brauchen Utopien, Träume, Hoffnungen. Die DDR ist ja nicht vom Himmel gefallen. Es war ja ein Ereignis, das historisch entstanden ist. Das wird nie erwähnt. Für mich war das Land lange Zeit ein historisches gesellschaftliches Experiment. Etwas Neues nach dem fürchterlichen Krieg.Ohne Wirtschaftswunder. Durch Verkrustung und Verfilzung mutierte die DDR zu einem kleinbürgerlichen Laubenpiepergebilde. doch der Marxismus ist nach wie vor eine Denkleistung, die nicht einfach in den Wind gehauen werden kann.

suia20100908182 2.jpg
Angelica Domröse, 2009. Foto: Jürgen Weyrich

Seit 1976 sind Sie mit Angelica Domröse verheiratet. Eine so lange Ehe ist unter Schauspielern nicht die Norm. Worin liegt Ihr Geheimnis?
Wir haben immer wieder entdeckt, dass wir uns doch wichtiger sind, wesentlicher als die Alternativen. Ich habe für mich keinen wesentlicheren Menschen gefunden. Und sie wohl auch nicht.

Sind Sie sich eigentlich sehr ähnlich?
Ja, was den künstlerischen und Lebensanspruch betrifft. Und in den Gefühlen liegen wir auf fast gleichem Niveau.

Was unterscheidet Sie?
Ich bin radikaler als Angelica. Ich habe erfahren müssen, dass Frauen praktischer sind als Männer, und in dem Sinn auch intelligenter. Sie durchschauen schneller als wir. Männer – nicht alle natürlich – neigen zur Spinnerei.

Halten Sie sich für einen erotischen Mann?
Na und ob! Meine Schärfe hat etwas mit der Gegenseite der Medaille zu tun, mit meiner Liebesfähigkeit. Weil ich eigentlich Innigkeit suche. Ich umarme gern, will Neigung spüren. Wenn ich Angelica in den Arm nehme, ist sie glücklich. Wir gehen gern Hand in Hand.

Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?
Ich vertrage keinen Ärger mehr, keine Reizungen. Ich brauche gute Laune, Spaß. Früher konnte ich sehr böse werden, ich war jähzornig. Das ist einer Grundfreundlichkeit gewichen, weil ich gemerkt habe, dass es mir damit körperlich besser geht. Schlicht und einfach. Der Kreislauf sackt bei mir sofort ab, wenn ich schlechte Laune habe. Das ist für mich ein Maßstab geworden für Lebenshaltung.

Verspüren Sie Angst vor dem Tod?
Schiller hat mal gesagt: Der Körper ist der Attentäter des Geistes. Und das ist er in der Tat. Es gibt im Tod eine Trennung von Geist und Körper. Der Körper ist hinfällig, wird der Natur überlassen. Der Geist ist nichts Greifbares. Er ist Energie. Energie geht nicht verloren, sie hebt sich auf, verändert sich. Ich habe in diesem Sinn keine Angst. Schiller hat ja auch poetisiert Freude schöner Götterfunken…

 

 

Jutta Hoffmann – Es begann mit Peterchens Mondfahrt

Zwei Jubiläen fallen in diesem Jahr zusammen, und das ist ein schöner Zufall. Vor 70 Jahren, am 17. Mai 1946, wurde in Potsdam-Babelsberg die DEFA gegründet. Fünf Jahre zuvor, am 3. März 1941, kam in einem Dorf bei Halle ein Mädchen zur Welt, das einmal zu den bekanntesten Gesichtern der Deutschen Film-AG gehören sollte, die Schauspielerin Jutta Hoffmann. Sie wurde jetzt 75. Auf ihrem Weg liegen Filme mit Ewigkeitswert wie „Kleiner Mann – was nun?“ (1967), „Junge Frau von 1914“ (1970), „Anlauf“ (1971), „Der Dritte“ (1972), „Die Schlüssel“ (1974) und „Lotte in Weimar“ (1975). Und auch solche, die der kulturpolitischen Zensur nach dem 11. Plenum der ZK der SED 1965 zum Opfer fielen: „Karla“ und „Denk‚ bloß nicht, ich heule“, die erst 1990 zur Aufführung kamen.

Jutta Hoffmann 3D komplett
Zum 75. Geburtstag der Schauspielerin gab Icestorm Entertainment eine DVD-Edition mit vier ihrer besten Filme heraus (19,99€) 

Einem Millionen Publikum im Westen wurde Jutta Hoffmann als duldsame und zugleich aufmüpfige Ostverwandte des Westberliners Motzki in der gleichnamigen Fernsehserie bekannt, die sich satirisch mit den deutsch-deutschen Befindlichkeiten kurz nach der Wende auseinandersetzt. Die Nation rieb sich daran. Jutta Hoffmann stritt für die Serie. Ein Blick ins Drehbuch genügte ihr, um es „wunderbar“ zu finden, weil es um etwas ging, das hinter der Fassade steckte. Lebenshaltungen. In einem Interview mit dem Journalisten Arno Luik sagte sie 1993: „Ich finde Motzki optimal. Da muss man schon genau schon genau hingucken, nicht einfach im Sessel hocken und das alles auf sich kippen lassen. Und wenn man sich darauf einlässt, amüsiert man sich. Sie erfahren etwas über Leute, die nicht in so Nobelheimen wie Sie herumsausen. Und ich dachte auch, dass ich ein bisschen was für die DDR-Leute machen müsste. Für Leute, die wieder in den Arsch gekniffen sind.“

Karla_1 A_Jutta Hoffmann und Klaus-Peter Pleßow_Foto Franz-Eberhard Daßdorf_DEFA-Stiftung
Jutta Hoffmann als Karla mit Klaus-Peter Pleßow. c/o DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf

Jutta Hoffmanns Haltung zur Kunst ist politisch. Leute, die sich mit der Wirklichkeit abmühen interessieren sie. Und das nicht nur vor der Kamera. Denn auch sie ist eine, die sich abgemüht hat, mit ihrer Arbeit etwas zu bewegen. Da geht sie konform mit ihren Figuren. Mit der jungen Lehrerin Karla etwa, die geradlinig ist, ohne Anpassung und Betrug ihr Leben meistern will. Die ihren Schüler sagt: „Vorausgesetzt, es hat einer eine eigene Ansicht und plappert nicht nur nach, dann ist es hier und heute geradezu verwerflich, mit der Wahrheit hinterm Berg zu halten. Alles andere ist feige, wenn nicht Heuchelei.“

Im Film kommt eine Zeit der Anpassung. Karla gibt dem Druck der Schulbehörde nach. Es ist bequem, aber die Selbstverleugnung hält nicht an. Am Ende findet sie wieder zu sich selbst zurück. Jutta Hoffmann ist nicht unterdrückbar. Regisseur Egon Günther sagte 1971, nachdem er seinen zweiten Film, „Anlauf“, mit ihr gemacht hat: „In sieben von zehn Fällen gelingt es nicht, ihr ein X für ein U vorzumachen. Sie muss wissen, was sie tut. Mindestens muss, wenn die Regie Ziele verheimlicht, das kommt vor, ihr der Nutzen des Verheimlichens klar sein. Falsche Autoritätsansprüche durch Texte oder Anweisungen der Regie weist sie zurück, verbal oder durch entsprechendes Spiel auf Proben. Das ist ungeheuer wertvoll für das gegenseitige Vertrauen in der weiteren Arbeit.“

IMG_3566

Die DEFA verdankt dieser besonderen Partnerschaft ebenso besondere Filme. Die Zusammenarbeit mit Egon Günther hatte für Jutta Hofmann immer etwas Spielerisches. Er habe sie nie zu etwas gezwungen, was ihr fremd war. Sie vielmehr bestärkt, ihren Intentionen zu folgen, sich auf eine Rolle einzulassen und aus ihr herauszutreten, ins Private. Sie hat ihr Spiel gern unterbrochen, indem sie in die Kamera lachte oder einfach nichts tat.  Etwas, womit sie den Zuschauer zu sich heranzieht, fasziniert. „Wir hatten versucht, einen gemeinsamen Ton zu finden und uns auf diesen Ton einzustimmen. Irgendetwas, das zusammen klingt“, zitiert Ralf Schenk die Schauspielerin in seiner Vorbemerkung für das Buch „Jutta Hoffmann Schauspielerin“ (Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Verlag Das Neue Berlin, 2011). Für Egon Günther war die Arbeit mit Jutta Hoffmann immer „ein Hochgenuss“. Sie konnte spontan in eine Situation hineingehen und frei spielen.

Alles, was sie vor der Kamera tut, erscheint dem Zuschauer wahr, als würde es in dem Augenblick geschehen. Für den Film „Die Schlüssel“ gab es kein ausformuliertes Drehbuch. Viele Dialoge entstanden erst beim Drehen. Es war die hohe Kunst der Improvisation der Schauspieler Jutta Hoffmann und Jaecki Schwarz. Diese tragische Liebesgeschichte ist der beste Film, den die DEFA gemacht hat, meint die Hauptdarstellerin heute. Leider kam das DDR-Publikum kaum in den Genuss, ihn zu sehen.  Die polnische Vertretung in der DDR – der Film spielt in Krakau – hatte interveniert. Er würde nur Dreckecken zeigen, die Wirklichkeit verzerren. Also verschwand er nach nur wenigen Vorführungen aus dem Filmangebot der Kinos, wurde auch nicht im Fernsehen gezeigt und erhielt Export-Verbot. Die Zusammenarbeit mit dem sozialistischen Bruderland sollte nicht belastet werden.

IMG_3567
Jutta Hoffmann 1970 als Lenore in Egon Günthers Film „Junge Frau von 1914“ (Aus: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“)

Der Regisseur und die Schauspielerin waren sich 1969 auf dem DEFA-Gelände begegnet. Die gerade 28-Jährige hatte bereits eine gewisse Bekanntheit erreicht durch ihre Arbeit am Maxim Gorki Theater („Frau Jenny Treibel“), Fernseh-Inszenierungen („Der tolle Tag“) und Frank Vogels Film „Julia lebt“ (DEFA 1963). Sie kannte Egon Günthers Film „Abschied“ und war hoch glücklich, als er ihr die weibliche Hauptrolle in seinem Film „Junge Frau von 1914“ nach dem Roman von Arnold Zweig anbot. Die zierliche Jutta Hoffmann, die ihm gerade bis zur Schulter reichte und dabei so viel Kraft in sich hatte, „so viel Ausdruck, leidenschaftliches Temperament und Zartheit des Gefühls mit sauberer sprachlicher Gestaltung verbindet“, war perfekt für die Rolle der Studentin und Bankierstochter Lenore, die sich mit den Umständen ihrer Zeit, dem beginnenden Ersten Weltkrieg, auseinandersetzt. Soldaten, eigentlich Brüder, töten sich, und Keiner hat Keinem etwas getan. Wie beiläufig fallen die Worte, während sich Lenore ihre Stiefel anzieht, um zu ihrem Hilfsdienst für heimkehrende Schwerverletzte zu gehen. Dass es diese Szene so gibt, hat die Schauspielerin durchgesetzt. Ursprünglich sollte nur das Interieur im Bild sein. Doch Jutta Hoffmann wollte diesen „schönen und wichtigen Text“ spielen.

Karla_4 A_Jutta Hoffmann_Foto Franz-Eberhard Daßdorf_DEFA-Stiftung
„Karla“ wurde u. a. am Schwielowsee gedreht. c/o DEFA-Stiftung, Franz-Eberhard Daßdorf

Die Tochter eines Buchhalters in den Buna-Werken hatte nie etwas anderes werden wollen als Schauspielerin. Als das Hallenser Thalia-Theater 1946 wiedereröffnet wurde, ging sie oft mit den Eltern in die Vorstellungen. Sie sah „Peterchens Mondfahrt“ mit Heinz Rosenthal, einem Freund der Familie. Vor ihr taten sich Türen zu einer unbekannten Welt auf. Ihre ersten Bühnenerfahrungen machte sie im Laienspielzirkel. Mit Achtzehn bestand sie die Begabtenprüfung an der Theaterhochschule Leipzig, wurde trotzdem nicht immatrikuliert. Das Kontingent für Nicht-Arbeiterkinder war für dieses Jahr ausgeschöpft. So kam sie 1959 an die Filmhochschule Babelsberg.

Im Kopf die Vorstellung von einem Theater wie es Brecht auffasste, war sie von der Schauspiel-Lehre an der Hochschule enttäuscht. Ein Jahr studierte sie zusammen mit den später ebenfalls bekannten DDR-Schauspielern Sigrid Göhler, Peter Reusse, Klaus Gehrke, Günter Junghans. Sie brach das Studium ab, nachdem sie im Dezember 1960 ihr überdurchschnittliches Talent am Maxim Gorki Theater in dem Stück „Und das am Heiligabend“  gezeigt und die Leitung des Hauses  ihr angeboten hatte, als Elevin zu bleiben. Den Beruf von der Pike auf lernen, ja, das hörte sich gut für sie an. Mit der großartigen Marga Legal spielte sie 1961 „Rummelplatz“ und drehte im selben Jahr ihren ersten DEFA-Film, die Komödie „Das Rabauken-Kabarett“ unter der Regie von Werner W. Wallroth. Selbstkritisch stellte sie dabei fest, dass ihr zur wirklichen Schauspielerin noch Technik und Handwerkszeug fehlten. „Ich konnte Szenen in der Wiederholung nicht wie beim ersten Mal spielen. Ich hatte nur mich und mein bisschen Talent. Ich musste spielen lernen“, erinnert sie sich.

IMG_3564
Jutta Hoffmann mit Horst Jonischkan 1961 in ihrem ersten DEFA-Film „Das Rabauken-Kabarett“. c/o DEFA-Stiftung, Josef Borst

Sie hat es gelernt. Bei namhaften Filmregisseuren der DEFA wie Herrmann Zschoche, mit dem sie 1964 „Engel im Fegefeuer“ und ein Jahr später „Karla“ gedreht hat. Er wurde auch ihr erster Ehemann. Ihre gemeinsame Tochter Catharina kam 1962 zur Welt. Sie macht Musik für Kinder und ist als „Hexe Knickebein“ sehr beliebt. Regisseur Hans-Joachim Kasprzik besetzte Jutta Hoffmann 1966 mit der Rolle des Lämmchen in seiner Literaturverfilmung von Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“. In diesem Film hat sie mich ungemein fasziniert. Sanft, fast scheu wirkend, entwickelt Lämmchen unter der „Hand“ von Jutta Hoffmann eine große Kraft. Bei ihrer Überlegung, wie die Figur spielen könnte, stellte sie sich ihre Mutter als junge Frau vor. Ihre Auffassung sei ideologisch falsch, wurde ihr vom  damaligen Fernsehchef Heinz Adameck vorgeworfen. Lämmchen sei Proletarierin, keine Kleinbürgerin. Die 25-Jährige widersprach verhement. Lämmchen sei dabei ihre Klasse zu verlassen, um mit dem Verkäufer Pinneberg, dem Mann mit dem weißen Kragen, zu leben. So wie Fallada das Mädchen sah, so wollte sie es spielen. Wenn das nicht passen würde, müsse man sie umbesetzen. Was nicht geschah.

IMG_3570
Mit Regisseur Egon Günther 1972 bei Dreharbeiten für „Der Dritte“. c/o DEFA-Stiftung, Heinz Wenzel

Ihre größten Fortschritte und Erfolge als Schauspielerin erreichte Jutta Hoffmann in der Zusammenarbeit mit Regisseur Egon Günther. Für ihre Rolle in „Der Dritte“ erhielt sie auf der Biennale in Venedig den Darstellerpreis „Venezia Critici“, auf dem Filmfest in Karlovy Vary den Hauptpreis als beste Schauspielerin. Zwei  Filme unter der Regie von Frank Beyer, an denen sie in Hauptrollen mitwirkt, liefen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Fernsehfilm „Geschlossene Gesellschaft“, Drehbuch Klaus Poche, wurde im „Schutze der Dunkelheit“ spät abends gesendet. Er gibt Bilder wider, die für einen DDR-Gegenwartsfilm ungewöhnlich sind, weil sie die Seelenlandschaft der Leute transparent machen. Das war suspekt. Die Filmkomödie „Das Versteck“, Szenen einer Ehe, wurde 1977 zugelassen, aber erst 1978 in ausgewählten Kinos gezeigt, weil Manfred Krug in den Westen ausgereist war. 1979 stand die inzwischen berühmte Hoffmann für den Film „Blauvogel“ das letzte Mal bei der DEFA vor der Kamera.

Karla_2 A_Jutta Hoffmann_Foto Franz-Eberhard Daßdorf_DEFA-Stiftung 2

Die Facetten der Schauspielerin Jutta Hoffmann zu erfassen, erscheint fast unmöglich. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase formuliert es 2011 so: „Ich habe Jutta Hoffmann in großen Rollen gesehen, die aus besonderen Momenten gemacht waren. Ein Blick, ein Gang, ein so oder so gesprochener Satz, ein Lachen, ein Schweigen. Ihr Gesicht und das Entstehen eines Gefühls. Sie spielt eine Handlung, keine Meinung, und das Publikum kann entdecken, was die Fantasie ihm erlaubt. Das halte ich bei der Schauspielerei für die Kunst.“

Als immerfort Lernende sah sich Jutta Hoffmann vor allem auch auf der Bühne – am Maxim Gorki Theater, am Deutschen Theater, am Berliner Ensemble. Da waren es namhafte Regisseure wie Fritz Bornemann, Albert Hetterle, Manfred Wekwerth, Luc Bondy und Thomas Langhoff, die ihre Begabungen herausfordern. Besonders geprägt habe sie die Arbeit mit Einar Schleef. Seine Inszenierung von August Strindbergs selbstmörderisch endender Liebesgeschichte mit Jutta Hoffmann in der Titelrolle entließ ein aufgestörtes, erstauntes, sprachloses, befremdet reagierendes Berliner Publikum. Jutta Hoffmanns aufgewühltes, verzweifeltes bis anmutiges Spiel gipfelte am Schluss in einer Flucht über die Stuhlreihen an den Köpfen der Zuschauer vorbei. Nach wenigen Aufführungen wurde das Stück verboten.

IMG_3568
Für ihre Rolle als „Yerma“ 1984 an den Münchner Kammerspielen wurde Jutta Hoffmann von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gekürt. (Aus: „Jutta Hoffmann Schauspielerin“)

1982 erhielt  Jutta Hoffmann eine Arbeitserlaubnis für die Salzburger Festspiele, wenig später wurde sie an den Münchner Kammerspielen engagiert. Ab 1985 folgte ein fünfjähriges Engagement in Hamburg am Schauspielhaus. Sie zog dorthin, behielt jedoch ihren DDR-Pass, weil sie den anderen nicht wollte. Die DDR ist ihr immer Heimat geblieben. Dennoch war es ein Abschied und das Zurechtkommen mit der anderen Welt, in der man sie wenig bis gar nicht kannte, nicht eben leicht. Jutta Hoffmann brachte eine andere, nicht gewohnte Art des Spielens auf die West-Bühnen. Körperliches Erzählen nennt es der Münchner Dramaturg Michael Eberth. „Ihre Figuren sind ein Feuerwerk von Erfindungen und auch von Vitalität. Sie ist das Perfekteste, was jemals gesehen habe.“ 1984 wählte die Zeitschrift Theater heute sie zur Schauspielerin des Jahres. Vor allem die Arbeit mit Peter Zadek machte sie beim westdeutschen Theaterpublikum bekannt. 20011 erhielt sie einen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin.

Verbotsbox_3D_angepasst-an-ICE-standard
DVD-Box mit den verbotenen Filme der DEFA , herausgegeben von Icestorm Entertainment

1992 bis 2006 lehrte Jutta Hoffmann als Professorin für Darstellende Kunst an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Der Nachwuchs liegt ihr bis heute am Herzen. Zuvor hatte sie schon in Berlin und Wien als Dozentin angehende Schauspieler auf ihren Weg gebracht. In einem Interview wollte ich wissen, was sie daran reizt. „Erst mal etwas ganz Egoistisches: Ich kann mich mit meinem Beruf beschäftigen. Und dann: Gemeinsam mit den Studenten herauszufinden, was ihre Anlagen sind, das Besondere. Ihnen zu vermitteln, ihren Anlagen zu folgen und sich halten.“
1999 übernahm sie für vier Folgen im Brandenburger „Polizeiruf 110“ die Rolle der Hauptkommissarin Wanda Rosenbaum. Die Figur hat sie zusammen mit Drehbuchautor Stefan Kolditz erfunden. „Wir hatten uns überlegt, die Fälle mit Wandas Geschichte zu verknüpfen. Und mit vier Sujets war alles über sie, also mich, gesagt“, erzählte sie mir. Mit ihrem zweiten Mann, dem österreichischen Schauspieler Nikolaus Haenel und dem gemeinsamen Sohn Valentin ist sie 2005 zurück in den Osten gezogen, nach Potsdam. Sie begann auch fürs Radio zu arbeiten, nahm Hörspiele und Hörbücher auf. „Es macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Ich muss vorher unheimlich üben“, sagt sie.

Goldene Henne 2006
Anlässlich des 60. Geburtstages der DEFA wurden die DEFA-Stars Jutta Hoffmann, Gojko Mitič und Winfried Glatzeder 2006 mit der Goldenen Henne, dem größten deutschen Publikumspreis geehrt

Die Filmarbeit bleibt nach der ihrem Weggang aus der DDR im Westen und auch nach der Wende nahezu auf der Strecke. 1997 kommt der Film „Bandits“ in die Kinos. Über 700.000 CDs mit den Filmsongs wurden verkauft. Im selben Jahr verfilmte Egon Günther seinen 1970 veröffentlichten Roman „Rückkehr aus großer Entfernung“ mit ihr und anderen bekannten DDR-Schauspielern wie Barbara Dittus, Angelica Domröse, Marita Böhme und Jan Spitzer. 2003 stand Jutta Hoffmann mit ihrer ehemaligen Schülerin Marie Bäumer vor der Kamera, als deren Mutter in dem Beziehungsdrama „Der alte Affe Angst“. Was sie „ganz witzig“ fand. Im letzten Jahr drehte sie für den ARD-Film „Ein Teil von uns“, dessen Ausstrahlung im Herbst man nicht verpassen sollte. Ein Mutter-Tochter-Drama, in dem Jutta Hoffmann die psychisch kranke Mutter spielt. Die Alkoholikerin ist, die auf der Straße lebt und sich von niemandem bevormunden lässt. Eine Figur, die einmal mehr Jutta Hoffmanns große Schauspielkunst zeigt. Und sie wird uns wie in all ihren Filmen ein Abbild unserer Welt vorführen.

http://www.icestorm.de/shop

 

Wolfgang Winkler – Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin

Zwei meiner Lieblingsschauspieler. Walfriede Schmitt und Wolfgang Winkler. Er feiert heute Geburtstag. Sie zieht am 9. März nach. 73 ist der „alte Knabe“ geworden. Und hält sich gut. „Muss ich und will ich auch“, sagt er. Für wen? „Für mich, sonst funktioniert es nicht.“ Dass seine Frau Marina, mit 61 immer noch aktiv als Tanzlehrerin, ihm gewissermaßen ein Ansporn ist, versteht sich von selbst. Und dann mag er auch kein Rentner sein – gleichwohl er es faktisch ja ist.

11180365_10204239465211321_286104416_o Kopie
Porträt von André Kowalski

Loslassen vom Job kann und will Wolfgang Winkler einfach noch nicht. „Wir Schauspieler sind ja verrückt, wir wollen spielen bis zum Umfallen. Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin“, sagt er mir am Telefon. Und bis dahin – so Gott will – hat er noch eine Menge Zeit. Vor genau einem Jahr hat der ehemalige Hallenser „Polizeiruf 110“-Kommissar – nach 50 Fällen mussten er und sein Partner Jaecki Schwarz den Dienst quittieren – seinen Polizeidienst auf dem Bildschirm wieder aufgenommen. In der ARD-Vorabendserie „Die Rentnercops – Jeder Tag zählt“. Zusammen mit Schauspieler Tilo Prückner ist er als Kommissar a. D. im TV-Dezernat 12 der Kripo Köln-Mühlheim aktiv. Ein aktuelles Thema. Der Polizei fehlt der Nachwuchs. Wie im wahren Leben.

Wolfgang Winkler20130906048 Kopie.jpg
Mit Wolfgang Winkler im Café des Schauspieler Christian Kahrmann in Berlin. Foto: Boris Trenkel

„So eine Figur zu spielen ist ein Geschenk und wirklich ein Glück. Auch für das Selbstwertgefühl. Wenn du Kollegen in deinem Alter siehst, die gerade wieder einen großen Film gemacht haben, kannst du dir sagen: Du hast auch was Neues gemacht. Du bist auch noch präsent. Das hilft schon, die Erfolge der anderen zu ertragen. Ich könnte mich auch zurücklehnen und sagen: Lass die anderen machen. Aber da sitzt so ein kleiner Teufel im Nacken und piekst.“

Im Mai geht es nun weiter mit den humorigen Krimi-Geschichten. „Wir hatten gute Einschaltquoten. Die zwei alten Zausel, die 40 Jahre zusammen gearbeitet und den Erfolg des anderen immer mit Missgunst beobachtet haben und sich auch jetzt nichts schenken, machen den Zuschauern Spaß.“

Eine Krimi-Serie mit Augenzwinkern, die den Schauspieler vergessen lässt, dass Altwerden keinen Spaß macht. „Ich kann mich nicht darauf einlassen, zu sagen, jedes Alter hat seine Schönheiten. Man muss mit den Gegebenheiten des Alters leben, aber schön ist es meistens nicht. Man fängt an zu sagen: Ich bin ja bald 80. Früher hat man sich gern älter gemacht, um ins Kino zu kommen. Jetzt macht man sich älter, um zu hören: Ach, das sieht man Ihnen gar nicht an. Den Satz hört man ja gern. Aber eigentlich ist er auch Mist.“

Aber sich deshalb in Depressionen hineinzusteigern, liegt Wolfgang Winkler fern. Da schiebt schon sein Humor einen Riegel vor. Und die Enkel und sein Freund Jaecki Schwarz. Die beiden sind mindestens einmal im Monat zu heiteren Lesungen mit ihrem Buch „Herbert & Herbert. Bloß gut, dass ich mit dir nicht verheiratet bin“ unterwegs. Zu Ostern sind sie in Lichtenhagen bei Rostock.

BDF Winkler & Grube 06
„Buddha bei die Fische“ – Das Team will einen heiter-nachdenklichen Film übers Altwerden drehen

Was ihm jetzt noch am Herzen liegt, ist die Verwirklichung eines Drehbuches, das ein junger Kollege geschrieben hat, Jörg Gahr. „Eine wichtige Geschichte, die sich ums Zurechtkommen mit dem Altwerden dreht. Dafür haben wir – Marie Gruber, Andreas Schmidt-Schaller, Ernst Georg Schwill und ich – einen Trailer gedreht, um das Geld für die Produktion zusammen zu bekommen. Dass sich eine Produktionsfirma oder ein TV-Sender findet, der dafür Geld gibt, das wünsche ich mir.“ Ich drücke die Daumen.

Von Brecht bis C. U. Wiesner – zum Tod von Stefan Lisewski

Es macht traurig. Schauspieler Stefan Lisewski ist tot. Er starb am 26. Februar im Alter von 82 Jahren. Unerwartet für alle. Ich habe ihn weniger auf der Bühne des Berliner Ensembles erlebt, wo er in nahezu allen Brecht-Stücken Hauptrollen spielte, als vielmehr in zahlreichen DEFA- und Fernsehfilmen. Rothaarig, sportliche 1,90 Meter hochgewachsen und mit einer einprägsamen, ausdrucksstarken Stimme, war er ein besonderer Typ. Überzeugend in seinen künstlerischen Darstellungen und von Kollegen, insbesondere Filmpartnerinnen, zudem wegen seiner humorvollen Art, seiner Jungenhaftigkeit besonders gemocht. „Mit ihm zu drehen war stets ein Vergnügen“, erinnerte sich Annekathrin Bürger in einem unserer vielen Interviews. In den Erinnerungen an ihren ersten Film „Verwirrung der Liebe“ (1959) verriet mir Angelica Domröse, dass ihr Stefan Lisewski imponiert habe. „Er hat am BE gespielt!“

12144691_1074751285880407_90651267554558913_n.jpg
Stefan Lisewski 2009 beim Filmtreff in Quedlinburg c/o Hans-Jürgen Furcht

Da, wo sie hin wollte, gehörte Lisewski von 1957 an zu den wichtigsten Schauspielern. Mit der Übernahme der Intendanz des BE durch Claus Peymann 1999 schied er – inzwischen 65 Jahre – aus dem Ensemble aus. Doch er blieb dem Theater bis zu seinem Tod verbunden. Mehr als 500 Mal hat er als Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ das Publikum im Theater am Schiffbauerdamm und bei Auslandsgastspielen wie in Griechenland und Italien begeistert. Man sah den Charakterdarsteller in „Mutter Courage und ihre Kinder“, „Die Gewehre der Frau Carrar“, in „Das Leben des Galiliei“, „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ oder im „ Kaukasischen Kreidekreis“. Noch am 21. Februar verkörperte er den Dogsborough in Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Weit mehr als 300 Mal stand er in dieser Rolle in der Inszenierung von Heiner Müller seit der Premiere 1995 auf der Bühne.

Ursprünglich war das Theater, die Schauspielerei nicht Lisewskis Lebensziel. Geboren am 6. Juli 1933 im polnischen Tczew (Dirschau), war er, elfjährig, mit seiner Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wie viele deutsche Umsiedler aus Pommern in Schwerin gelandet. Als Statist am Theater frönte er schon als Schüler seiner Leidenschaft fürs Schauspielen. Als ernsthaften Beruf für sich sah er das aber nicht. Er wollte Hütteningenieur werden und bewarb sich nach dem Abitur an der Bergakademie Freiberg. Doch die Lust zum Spielen war stärker, und so sprach er an der Berliner Schauspielschule vor – und wurde abgelehnt. Er ging als Praktikant ins Schwermaschinen-Kombinat Magdeburg und arbeitete dort am Schmelzofen.

Die Bühne lockte den damals 20-Jährigen jedoch sehr. Immer wieder übernahm er am Theater der Stadt Komparsenrollen und startete 1955 einen neuen Versuch an der Berliner Schauspielschule. Es klappte. Sein zweieinhalbjähriges Studium schloss er 1957 während der Dreharbeiten zu seinem ersten Film, „Das Lied der Matrosen“, ab und erlangte anschließend ein Engagement am Berliner Brecht-Ensemble. Er hat noch mit Helene Weigel und Ernst Busch zusammen gearbeitet und war sehr dankbar für die großartige Zeit, die ihn über die Grenze der DDR hinaus in die ganze Welt geführt hat, wie er in einem Interview zu seinem 70. Geburtstag sagte.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Film ich Stefan Lisewski zum ersten Mal gesehen habe. Es könnte „Das Lied der Matrosen“, der Musikfilm „Eine Hand voll Noten“ oder „Maibowle“ gewesen sein. Mittags, in einer der Halbzwei-Uhr-Testsendungen des DDR-Fernsehens in den 60er Jahren. Vielleicht war es auch „Die Jagd nach dem Stiefel“, ein Kinderfilm von Konrad Petzold, oder „Chronik eines Mordes“.

12795331_1074751609213708_964852336038082785_n.jpg

Jedenfalls hat er sich mir eingeprägt. Sein Gesicht, seine Stimme, die ich sofort im Ohr habe, wenn ich den Namen höre oder lese. Auch Szenen, wie die mit Hildegard Alex beim Versuch zusammen in eine Badewanne zu steigen. Was praktisch ein Ding der Unmöglichkeit war, denn der Einsneunzig-Mann passte ja allein schon kaum hinein. „Wir hatten viel Spaß beim Probieren, wie das gehen soll“, erzählte mir Hilde Alex, als ich ihr meine Erinnerung einmal schilderte. Ich glaube, die Fernseh-Reihe hieß „Rund um die Uhr“. Das Komödiantische war die andere Seite des Charakterdarstellers, die populäre, die ihn beim Publikum so beliebt machte.

In den 70er und 80er Jahren hat der Schauspieler das Filmen zugunsten des Theaters zurückgefahren und sich mehr oder weniger auf Rollen in Kinderfilmen beschränkt. Diese Arbeit machte dem zweifachen Vater und Großvater sehr viel Freude. Regisseur Günter Meyer fand in dem Hünen die ideale Besetzung für den Riesen Otto in seiner Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“, Drehbuch „Eulenspiegel“-Autor C. U. Wiesner.

Spuk unterm Riesenrad
Die Autorin mit Stefan Lisewski (M) im August 2013 im Treptower Park sowie mit Regisseur Günter Meyer (r.) und den Filmkindern Katrin Raukopf (2.v.r.) und Henning Lehmbäcker. c/o Boris Trenkel

Ihr verdanke ich, dass ich Stefan Lisewski im August 2013 persönlich kennenlernen durfte. Natürlich im Treptower Park unterm Riesenrad. Sein voller roter Haarschopf war ergraut, und es ging dem Schauspieler auch nicht gut. Er kämpfte mit Atemnot, aber seinen Humor hatte er nicht verloren. An den Film hatte er glänzende Erinnerungen. „Der ist losgegangen wie eine Rakete. Und geht es noch. Als ich jetzt längere Zeit im Krankenhaus war, haben mich die Schwestern kurz vor der OP gefragt: „Sind Sie nicht der Riese?“ – Erwachsene Leute, die damals Kinder waren. Es war ja auch eine tolle Geschichte dadurch, dass die uralten Märchenfiguren mit dem prallen Leben der DDR konfrontiert wurden. Daraus ergab sich wundervoll Satirisches. Wenn man älter wird und mal Revue passieren lässt, was man so gemacht hat, gehört das mit zu den schönsten Arbeits- und Urlaubserlebnissen, die ich hatte. Wir haben im Harz gedreht, auf der Burg Falkenstein. Wir haben an der Rappbodetalsperre gewohnt. Das war toll. Und wenn wir nachts gedreht haben, sind wir früh zu einem Bauern gefahren und haben warme Milch getrunken.“

Es war so einiges passiert bei den Dreharbeiten, das ihm im Nachhinein ein Schmunzeln ins Gesicht zauberte. „Auf dem Hexentanzplatz sollte ich auf ein fahrendes Auto springen. Das hat meinen sportlichen Ehrgeiz angestachelt. Aber es real zu versuchen, wäre dann doch zu gefährlich gewesen. Deshalb wurde es am Schneidetisch geschickt zusammenmontiert.“ Für die Anfangsszenen, in denen der Riese groß ist, hatte Stefan Lisewski bei einem Artisten Stelzen laufen gelernt. „Günter Meyer fand mich mit meinen 1,88 noch zu klein als Riese. Ich musste auf einen Stuhl steigen, damit er sehen konnte, wie das mit Stelzen sein würde.“

IMG_3556
Die Geister in der Spree. Szene aus der Serie „Spuk unterm Riesenrad“

Dass er bei der Flucht der Geister mit Boot auf der Spree einen Moment Todesangst hatte, ist auch so eine Geschichte. In der Hektik, die Szene noch vor Sonnenuntergang „in den Kasten“ zu kriegen, hatte niemand an die Eisengewichte in dem Ruderboot gedacht, die als Lastenausgleich für die Schauspieler, insbesondere den schweren Stefan Lisewski, in den Bug gelegt worden waren. Als das im Film nicht zu sehende Motorboot den Geisterkahn am Schlepptau in Bewegung setzte, neigte sich plötzlich der Bug des Ruderboots gen Wasser, immer tiefer, bis es schließlich versank – und mit ihm die Geister. „Ich hatte einen schweren Schafspelz an, der sich voll Wasser sog. Katja Paryla, die Hexe, und Siegfried Seibt, Rumpi, konnten ja schwimmen in ihren Sachen, ich nicht. Da war mir schon komisch, bis ich merkte, ich habe Boden unter den Füßen. Wir standen auf einer Sandbank mitten in der Spree.“ Mit seinem trockenen Witz würzte er als Hausmeister den „Spuk im Hochhaus“ und wirkte als Graf Bärenfels auch in der Serie „Spuk von draußen“ mit.

Für das Berliner Ensemble werden die Inszenierungen mit Stefan Lisewski wichtige Abschnitte in der Geschichte des Theaters sein. In seinen großen wie kleinen Filmrollen wird er lebendig bleiben, sich den vielleicht auch nachfolgenden Generationen einprägen.

 

Geschichten über Stars, die man im Osten kennt

%d Bloggern gefällt das: